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Kapitel 1


Edwin stand am Küchenfenster und rührte gedankenverloren in seiner Tasse. Der Herbstwind trieb die ersten gelben Blätter über die Straße, und die Morgensonne warf lange Schatten zwischen die gepflegten Vorgärten der Reihenhäuser. Es war kurz nach halb neun an diesem Morgen Anfang Oktober 2024. Die Straße hatte ihre gewohnte Ruhe erreicht – die Berufstätigen längst verschwunden, die Rentner noch beim zweiten Frühstück. Edwin liebte diese Stunde. Die Straße zeigte dann ihre wahre Natur. Ohne das Theater der Geschäftigkeit, ohne das Gehupe der Elterntaxis, ohne Frau Petersens penetranten Staubsauger aus Nummer fünf. Nur die Katze der Familie Mortensen schlich noch träge über den Gehweg, als hätte sie wichtige Termine wahrzunehmen. „Feldstudie abgeschlossen“, murmelte Edwin vor sich hin und nahm einen Schluck von dem Kaffee, der mittlerweile nur noch lauwarm war.
Er lebte nun seit drei Jahren in Wellingdorf. Eine Kombination aus Burnout und der Erkenntnis, dass der Niederrhein für seine Seelenverfassung ungefähr so heilsam war wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung, hatte ihn hierhergeführt. Seine Eltern hatten jahrzehntelang in der Nähe gewohnt, in der Brückenstraße, und er kannte die Gegend aus unzähligen Familienbesuchen. Mit dreißig war er der Liebe wegen nach Xanten gezogen – eine Entscheidung, die sich als etwa so dauerhaft erwiesen hatte wie ein Schneemann im Juli. Nach der Trennung war Kiel der logische Kompromiss gewesen: weit genug weg von den schmerzhaften Erinnerungen, nah genug am Meer für seine norddeutsche Seele. Dass Wellingdorf aussah wie eine Filmkulisse für „Das perfekte deutsche Vorstadtleben“, war ihm erst nach dem Einzug aufgefallen. Aber da hatte er bereits unterschrieben. Nicht dass er sich beschwert hätte. Im Gegenteil. Edwin hatte gelernt, das Leben aus der Beobachterposition zu schätzen. Hier war er einfach „der neue Herr Kowalski aus der Siebzehn“, höflich gegrüßt, freundlich ignoriert, perfekt unsichtbar.
Seine Aufmerksamkeit wanderte zu Nummer elf, dem Haus der Familie Mortensen. Carsten Mortensen, Mitte fünfzig, Versicherungsvertreter mit der Ausstrahlung eines Menschen, der andere Leute gern zu ihrem eigenen Besten überredete. Seine Frau Brigitte führte einen Blumenladen und fuhr jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr fünfzehn zur Arbeit. Ein Ehepaar wie aus dem Katalog für „Solide Mittelschicht“, komplett mit regelmäßigen Grillpartys und ordentlich gestutzten Buchsbaumhecken. Edwin kannte ihre Routinen auswendig. Nicht aus Obsession, sondern weil Routinen das einzig Verlässliche in einer Welt voller unberechenbarer Menschlichkeiten waren. Carsten verließ das Haus nie vor neun Uhr. Brigitte war um diese Zeit längst fort, und das Haus lag im Dornröschenschlaf. Deshalb bemerkte Edwin sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Haustür der Mortensens stand einen Spaltbreit offen. Nicht viel, vielleicht zwei Zentimeter, aber genug, um das Gleichgewicht der Straße zu stören.
Edwin stellte seine Tasse ab. Carsten schloss ab, selbst wenn er nur zum Briefkasten ging. Dass er die Tür versehentlich offen ließ, war so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn am Tag eines Blitzschlags. Ein Schatten bewegte sich hinter dem Milchglasfenster neben der Tür. Edwins Nackenhaare stellten sich auf. Da war jemand im Haus, und es war weder Carsten noch Brigitte. Der Schatten bewegte sich ruhig, ohne die ziellose Hektik eines Bewohners. Edwin griff nach seinem Handy und öffnete die Kamera. Keine Heldenaktionen – diese Zeiten waren vorbei –, aber Beweise konnten nicht schaden.
Zehn Minuten lang passierte nichts Spektakuläres. Der Eindringling wanderte durch das Haus, verschwand für längere Zeit aus dem Sichtfeld. Einmal glaubte Edwin, den Strahl einer Taschenlampe zu sehen. Wer auch immer da drinnen war, er kannte sich aus. Dann ging alles sehr schnell. Die Haustür öffnete sich vollständig, und ein Mann in dunkler Kleidung trat heraus. Mittelgroß, schlank, Baseball-Cap. Er bewegte sich mit der entspannten Sicherheit eines Spaziergängers. In der Hand hielt er eine kleine schwarze Tasche – zu klein für Elektronik, aber groß genug für Schmuck. Edwin machte mehrere Fotos. Der Zoom war mäßig, aber das Gesicht war erkennbar: Mitte vierzig, schmale Züge, Schnurrbart. Der Mann schaute sich nicht um, schloss sorgfältig die Haustür hinter sich und ging gemächlich die Straße hinunter.
„Interessant“, murmelte Edwin. Er wählte die 110. Das Gespräch mit dem Polizeinotruf verlief routiniert. Edwin gab eine präzise Beschreibung ab, vermied Spekulationen und versprach, vor dem Haus zu warten. Er zog sich eine Jacke über und trat vor die Tür. Die Straße lag weiterhin in ihrer morgendlichen Ruhe. Edwin lehnte sich gegen seinen Gartenzaun und fixierte Nummer elf. Von außen keine Spuren von Gewalt. Wer auch immer da gewesen war, hatte sauber gearbeitet.
„Entschuldigung“, sagte eine Stimme hinter ihm. Edwin drehte sich um. Ein Mann mittleren Alters stand dort, freundliches Gesicht, entspannte Haltung. Er trug die Art von Pullover, die Lehrer an Gymnasien zu tragen pflegten – woher Edwin das wusste, konnte er nicht erklären, aber sein Bauchgefühl lag selten falsch. „Ich bin Axel Zumdick aus der Sechszehn“, sagte der Mann und deutete auf das Haus schräg gegenüber. „Ist etwas passiert? Ich habe einen Streifenwagen gehört, glaube ich.“ „Noch nicht, der ist unterwegs. Einbruch bei Mortensens“, sagte Edwin knapp. „Ich habe es beobachtet.“ Axel Zumdick zog die Augenbrauen hoch. „Tatsächlich? Das ist ja… ungewöhnlich für die Gegend. Ehrlich gesagt, ist mir heute Morgen auch etwas Merkwürdiges aufgefallen. Ein Mann, der sich seltsam verhalten hat. Aber ich war mir nicht sicher, ob das relevant ist.“
Edwin musterte ihn. Der Mann hatte die Art von ruhiger Aufmerksamkeit, die Edwin an sich selbst schätzte. Keine Hysterie, nur sachliches Interesse. „Edwin Kowalski“, stellte er sich vor. „Freut mich. Sie sind der Neue aus der Siebzehn, richtig?“ „Seit drei Jahren. Aber hier ist man vermutlich erst nach zehn Jahren kein Neuer mehr.“ Axel lachte. „Zwölf Jahre, um genau zu sein. Bei mir hat es zwölf Jahre gedauert, bis Frau Petersen aufgehört hat, mich als ‚den jungen Herrn Zumdick‘ zu bezeichnen.“ Er trat einen Schritt näher an den Zaun. „Sie sagten, Sie haben es beobachtet. Zufall?“ „Gewohnheit“, korrigierte Edwin. „Ich arbeite von zu Hause. Mein Schreibtisch steht am Fenster. Man lernt den Rhythmus der Straße kennen.“ „Verstehe. Die Anomalie im System.“ Edwin blickte überrascht auf. „So könnte man es nennen. Arbeiten Sie auch mit Systemen?“ „In gewisser Weise. Ich unterrichte Mathe und Geschichte. Zahlenreihen und Zeitlinien.“ Axel lächelte. „Und Sie?“ „IT-Freiberufler. Früher Konzern, jetzt… das hier.“ Edwin machte eine vage Handbewegung, die die Straße, sein Haus und seine gesamte aktuelle Existenz umfasste. „Weniger Meetings, mehr Nachbarschaftswache, wie es scheint.“
„Vom Regen in die Traufe?“, fragte Axel amüsiert. „Anders“, sagte Edwin. „Im Konzern brechen Leute ein, um Ideen zu stehlen oder Karrieren zu zerstören. Hier nehmen sie hoffentlich nur den Fernseher mit.“ Der Streifenwagen bog um die Ecke. Edwin erkannte die typische Routine: langsames Vorbeifahren, Lageeinschätzung, Aussteigen. Zwei Beamte, einer jung und motiviert, einer älter und routiniert – Polizeihauptmeister Bernd Weber, wie sich herausstellte. Edwin schilderte den Vorgang, zeigte die Fotos. Weber hörte zu, machte sich Notizen, während sein junger Kollege, Polizeiobermeister Hartmann, erfolglos an der Tür klingelte.
„Die Terrassentür war aufgebrochen“, berichtete Weber kurz darauf, nachdem er ums Haus gegangen war. „Wir müssen rein. Herr Kowalski, bleiben Sie bitte hier.“ Die nächste halbe Stunde verging mit Warten. Edwin und Axel blieben am Zaun stehen. „Zum ersten Mal so etwas miterlebt?“, fragte Axel. „Live, ja. Sie?“ „Auch. Obwohl ich in der Schule schon einige Einbrüche hatte. Aber das ist anders. Hier geht es um Menschen, die man kennt.“ „Mögen Sie die Mortensens?“ Edwin überlegte. „Ich kenne sie kaum. Höfliche Nachbarn. Was will man mehr?“ „Vermutlich das, was die meisten Menschen wollen: Dass andere sich für sie interessieren.“ „Das“, sagte Edwin trocken, „ist vermutlich der Grund, warum ich allein lebe.“ Axel lachte leise. „Kann ich verstehen. Ich habe den ganzen Tag Teenager um mich – da hat man genug zwischenmenschliche Komplexität für ein ganzes Leben.“
Carsten Mortensen traf ein, sichtlich aufgelöst. Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte Edwin damit, zuzusehen, wie der Nachbar durch sein eigenes Haus ging und feststellte, was Edwin bereits geahnt hatte: Nichts fehlte. Schmuck, Bargeld, Technik – alles noch da. „Verstehe ich nicht“, sagte Carsten kopfschüttelnd, als er wieder herauskam. „Was wollte er denn?“ Weber nahm die Anzeige auf, die Beamten fuhren ab. Carsten bedankte sich überschwänglich bei Edwin, reichte ihm eine Visitenkarte und verschwand wieder in seinem Haus, das nun weniger wie ein Heim und mehr wie ein Tatort wirkte.
Edwin und Axel blieben allein auf dem Gehweg zurück. „Interessanter Morgen“, sagte Axel. „Allerdings. Ein Profi bricht ein, durchsucht alles, nimmt aber nichts Wertvolles mit. Das ergibt keinen Sinn.“ „Vielleicht hat er nichts gefunden, was er gesucht hat.“ „Genau das frage ich mich auch: Was hat er gesucht?“ Sie schwiegen einen Moment. „Falls Sie Lust auf einen Kaffee haben“, sagte Edwin unvermittelt. „Ich habe guten Kaffee und schlechte Gesellschaft anzubieten.“ Axel grinste. „Das klingt nach einem fairen Handel.“

 
Kapitel 2

Hauptkommissar Weber kehrte am nächsten Morgen um punkt neun Uhr in die Wischhofstraße zurück. Er trug ein Klemmbrett wie einen Schild vor sich her, dazu einen jener mürrischen Gesichtsausdrücke, die Polizisten vermutlich im ersten Ausbildungsjahr vor dem Spiegel übten.
Edwin beobachtete ihn vom Küchenfenster aus, die warme Keramik seiner Kaffeetasse in den Händen, und fragte sich, ob es ein universelles Gesetz gab, das besagte, dass die Staatsgewalt immer genau dann klingelte, wenn der Bürger unter der Dusche stand oder sich die Zähne putzte. Der Hauptkommissar begann seine Tour bei Nummer eins und arbeitete sich die Straße entlang.
Edwin konnte seine Route vom Fenster aus wie auf einer strategischen Karte verfolgen: kurze, einsilbige Gespräche an den Haustüren, gelegentliches Nicken, aber viel häufiger das Kopfschütteln der Anwohner. Es war die universelle Choreografie der Ahnungslosigkeit, perfekt einstudiert von Menschen, deren oberstes Prinzip es war, niemals in irgendetwas verwickelt zu werden. Man sah nichts, man hörte nichts, und wenn doch, dann hatte man es längst vergessen.
„Die deutsche Nachbarschaft in ihrer natürlichen Umgebung“, murmelte Edwin vor sich hin, während Frau Petersen aus Nummer fünf die Tür nur einen Spaltbreit öffnete, als würde sie Weber verdächtigen, ihr einen Staubsaugervertrag andrehen zu wollen. „Ein Biotop der selektiven Blindheit.“
Um zwanzig nach neun erreichte Weber endlich Nummer siebzehn. Edwin hatte sich extra eine frische Tasse Kaffee eingeschenkt – schwarz, heiß, ohne Zucker, wie seine Stimmung – und wartete bereits an der Haustür, als die Klingel ertönte.
„Guten Morgen, Herr Kowalski“, sagte Weber und klappte sein Notizbuch auf, ohne den Blick zu heben. „Ich führe Nachbefragungen zu dem Einbruch gestern durch. Ist Ihnen über Nacht noch etwas eingefallen? Irgendein Detail, das in der Aufregung untergegangen ist?“
Edwin lehnte sich entspannt gegen den Türrahmen. „Durchaus. Ich habe mir noch einmal den Ablauf vor Augen geführt. Der Mann bewegte sich mit einer bemerkenswerten Ortskenntnis. Keine hektischen Bewegungen, kein Herumstolpern, kein Zögern an Türen. Er wusste genau, wo er suchen musste. Oder zumindest, wo er anfangen wollte.“
Weber kritzelte etwas auf seinen Block. Der Stift kratzte hörbar über das Papier. „Das hatten Sie gestern bereits angedeutet.“
„Außerdem lässt mir die Sache mit dem Licht keine Ruhe. Ich habe mehrmals einen schwachen Lichtschein gesehen, der durch die Räume wanderte. Mitten am Vormittag, bei strahlendem Herbstwetter.“
„Und was schließen Sie daraus, Herr Kowalski?“
Edwin nahm einen Schluck Kaffee und genoss die Bitterkeit auf der Zunge. „Entweder der Mann leidet unter einer schweren Sehschwäche, was bei einem Einbrecher eher hinderlich wäre, oder er hat in Bereichen gesucht, wo normales Tageslicht nicht hinreicht. In tiefen Schubladen, im hinteren Teil von Schränken, in Nischen, unter Treppen. Er hat nicht nur oberflächlich geschaut. Er hat gewühlt.“
Weber sah auf. Sein Blick war prüfend, nicht unfreundlich, aber distanziert. „Sie scheinen sich viele Gedanken über das Verhalten von Kriminellen zu machen.“
„Berufskrankheit. Ich arbeite in der IT – da lernt man, Systeme zu analysieren, Fehlerquellen zu finden und Muster zu erkennen. Ein Einbruch ist im Grunde nichts anderes als ein unerlaubter Zugriff auf eine Datenbank. Nur analog.“
Weber ließ den Vergleich unkommentiert. „Haben Sie sonst noch etwas Ungewöhnliches bemerkt? Fremde Autos, verdächtige Personen in den letzten Tagen? Vielleicht Bettler oder Hausierer?“
Edwin ließ den Blick über die Straße schweifen. „Nein, nichts Konkretes. Aber…“
Er zögerte bewusst.
„Aber?“
„Es ist nur ein Gefühl, Hauptkommissar. Der Mann gestern wirkte nicht wie ein Gelegenheitseinbrecher, der auf schnelles Geld aus ist. Er war zu ruhig. Zu fokussiert. Er wirkte eher wie ein Handwerker, der einen Auftrag erfüllt. Jemand, der nach Liste arbeitet.“
Weber klappte sein Notizbuch zu, das Geräusch klang endgültig. „Danke für Ihre Einschätzung, Herr Kowalski. Wir nehmen das zu Protokoll. Falls Ihnen noch etwas Konkretes einfällt…“
„Werden Sie den Fall weiterverfolgen?“
Der Hauptkommissar zuckte die Schultern, eine Geste der resignierten Routine. „Solange wir Hinweise haben. Aber seien wir ehrlich: Die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen ohne Täterkontakt ist bescheiden. Besonders, wenn nichts gestohlen wurde, sinkt die Priorität.“
„Das ist der eigentlich interessante Punkt“, hakte Edwin nach. Er wollte Weber noch nicht gehen lassen. „Ein Einbrecher bricht ein, riskiert Gefängnis, nimmt aber nichts mit. Das wirft Fragen auf, finden Sie nicht? Das passt nicht ins Schema.“
„Vielleicht wurde er gestört.“
„Von wem? Die Straße war menschenleer, bis Sie kamen.“
Weber warf Edwin einen Blick zu, der deutlich machte, dass seine Geduld für Hobby-Kriminologen begrenzt war. „Herr Kowalski, wir machen das nicht zum ersten Mal. Manchmal finden Täter einfach nicht das, was sie sich erhofft haben. Überlassen Sie die Ermittlungen bitte uns. Wir wissen, was wir tun.“
Edwin lächelte sein höflichstes, unverbindlichstes Lächeln. „Natürlich. Entschuldigung für die Neugier.“
Der Hauptkommissar verabschiedete sich knapp und ging weiter zu Nummer sechszehn. Edwin blieb in der Tür stehen, die Tasse in der Hand, und beobachtete, wie Weber bei Axel Zumdick klingelte. Das Gespräch dort verlief anders. Es dauerte länger – etwa fünf Minuten, schätzte Edwin. Axel stand im Rahmen, gestikulierte lebhaft in Richtung des Mortensen-Hauses und schien Weber etwas zu erklären, das über ein einfaches „Nein, nichts gesehen“ hinausging.
Als Weber schließlich weiterzog, winkte Axel Edwin zu und kam über die Straße geschlendert. Er trug eine Strickjacke, die ihn noch mehr wie den archetypischen Pädagogen aussehen ließ.
„Interessantes Gespräch mit der Staatsmacht?“, fragte Edwin.
„Durchaus. Obwohl ich den Eindruck hatte, dass meine Beobachtungen eher als lästige Fußnoten betrachtet wurden.“
Edwin grinste. „Willkommen im Club der ignorierten Zeugen. Was haben Sie ihm denn erzählt?“
„Das Gleiche wie Sie, vermute ich. Dass der Mann gestern nicht ins Raster passte. Er wirkte nicht nervös, nicht gehetzt. Eher wie jemand, der seinen Schlüssel vergessen hat und deshalb einen alternativen Eingang wählt.“
„Haben Sie das Weber so gesagt?“
„Natürlich. Seine Antwort war der klassische Satz aus dem Baukasten für Beamte: Ich solle die Interpretationen doch bitte den Profis überlassen.“
Edwin schnaubte amüsiert. „Wortgleich. Vermutlich steht das im Handbuch für Bürgergespräche auf Seite eins. Kapitel drei: ‚Wie man lästige Hobby-Detektive abwimmelt, ohne eine Dienstaufsichtsbeschwerde zu riskieren.‘“
Axel lachte, ein offenes, sympathisches Lachen. „Sie haben eine erfrischend zynische Sichtweise auf die Dinge, Herr Kowalski.“
„Realistische Sichtweise. Zynismus ist nur Realismus mit schlechter Laune. Und meine Laune ist eigentlich ganz passabel.“
Sie standen einen Moment schweigend da und betrachteten das Haus der Mortensens. Die Polizeibänder von gestern waren entfernt worden, die Spurensicherung war abgezogen. Das Gebäude sah wieder aus wie ein ganz normales Reihenhaus in einer ganz normalen Straße. Die Wunde in der bürgerlichen Idylle hatte sich geschlossen, zumindest oberflächlich.
„Darf ich fragen, was Sie beruflich machen, wenn Sie nicht gerade Einbrecher analysieren?“, fragte Edwin.
„Ich unterrichte am Gymnasium hier in der Nähe. Mathematik und Geschichte.“
„Ah. Eine interessante Kombination. Die absolute Logik der Zahlen und die absolute Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns.“
„So habe ich das noch nie betrachtet, aber ja. Das erklärt vielleicht meine analytische Herangehensweise.“ Axel lehnte sich gegen den Gartenzaun. „Und Sie arbeiten in der IT, wenn ich mich recht erinnere?“
„Freiberufler. Hauptsächlich Datenbankanalyse, Systemoptimierung, Sicherheitsarchitektur. Klingt trocken, ist es meistens auch. Aber es schult den Blick für Abweichungen. Ein Bug im Code fällt auf, weil er das Muster bricht. Genauso wie unser Einbrecher gestern.“
Axel nickte nachdenklich. „Sagen Sie, was halten Sie wirklich von Webers Einschätzung? Dass der Fall im Sande verlaufen wird?“
„Ehrlich? Ich denke, er hat recht. Die Polizei ist überlastet, es gab keinen Personenschaden, keinen nennenswerten Diebstahl. In zwei Wochen ist das eine Aktennotiz.“
„Und das ärgert Sie.“
„Ein wenig, ja. Nicht der mangelnde Erfolg der Polizei – die machen ihren Job so gut sie können und verwalten den Mangel. Aber diese…“ Edwin suchte nach dem richtigen Wort. „Diese bürokratische Gleichgültigkeit. Als wäre ein Einbruch in die Privatsphäre eines Menschen nur ein Verwaltungsakt, der abgehakt werden muss.“
„Die Routine der Resignation“, ergänzte Axel. „Sehr deutsch.“
„Sie klingen, als hätten Sie Erfahrung mit deutschen Eigenarten.“
„Ich bin Lehrer. Ich arbeite im Herzen der deutschen Bürokratie. Ich sehe jeden Tag, wie Leidenschaft an Vorschriften zerschellt.“
Ein Lieferwagen bog in die Straße ein und hielt vor Nummer elf. Carsten Mortensen stieg aus dem Beifahrersitz und winkte dem Fahrer zum Abschied. Er trug seinen üblichen grauen Anzug, aber er saß schlecht, und seine Schultern hingen herab. Er sah müde aus, älter als noch vor zwei Tagen, als hätte der Einbruch mehr als nur sein Sicherheitsgefühl erschüttert.
„Armer Kerl“, sagte Axel leise. „So etwas geht einem an die Substanz.“
Edwin beobachtete, wie Carsten schwerfällig zur Haustür ging und lange brauchte, um den Schlüssel ins Schloss zu stecken. „Haben Sie ihn vorher schon mal so niedergeschlagen erlebt?“