LP-EEB2

Prolog
 
4. Mai 1945, 22:43 Uhr


Kiel-Wellingdorf, Wischhofstraße 19
Der Krieg endete in Kiel nicht mit einem Knall, sondern mit dem Geruch von verbranntem Papier und dem dumpfen Grollen sterbender Schiffe.
Friedrich Kellner rieb sich die Augen, die vom Rauch und der tagelangen Schlaflosigkeit brannten.Die Luft im Untergeschoss des Turms war dick und stickig, gesättigt mit dem metallischen Geschmack von Elektrizität, die aus den überhitzten Umformern drang, und dem beißenden Qualm, der aus dem improvisierten Ofen in der Ecke quoll. Draußen, jenseits der vier Meter dicken Betonwände und der Tarnverkleidung aus rotem Backstein, versank die Welt im Chaos. Friedrich wusste, was geschah, auch ohne hinauszusehen. Er spürte es durch die Vibrationen im Boden. Im Hafenbecken und auf der Förde wurden die Ventile geöffnet. Die stolze Kriegsmarine, oder das, was von ihr übrig war, versenkte sich selbst, um nicht in die Hände der Briten zu fallen.
Aber hier unten, zwölf Meter unter dem Pflaster der Wischhofstraße, herrschte eine gespenstische, geschäftige Ruhe. Es war das Auge des Sturms.
„Nicht nachlassen, Gefreiter“, blaffte Major von Stetten. Seine Stimme war heiser, aber der Befehlston hatte nichts von seiner Schärfe eingebüßt, auch wenn die Uniform des Majors zerknittert und staubig wirkte. „Alles, was eine Klassifizierung ‚Geheime Kommandosache‘ oder höher trägt, muss verschwinden. Wenn die Tommies morgen früh hier einmarschieren, dürfen sie nichts finden als Asche und tote Leitungen.“
Friedrich nickte stumm und griff nach dem nächsten Stapel Akten. Es waren Logbücher der U-Boot-Flottille, Frequenztabellen für den Nordatlantik, Verschlüsselungsprotokolle für die neue Triton-Chiffriermaschine. Er warf sie in die Flammen. Das Papier kräuselte sich, wurde schwarz und zerfiel zu grauen Flocken, die im Luftzug der Ventilation tanzten wie schmutziger Schnee. Es tat ihm körperlich weh. Friedrich war kein Soldat aus Überzeugung, er war Techniker. Er war ein Mann der Präzision, der Logik, der Mathematik. Wissen zu vernichten, widerstrebte seiner innersten Natur. Diese Bücher waren keine ideologischen Pamphlete; es waren technische Meisterleistungen, Dokumentationen einer Kommunikationstechnologie, die der Welt um Jahre voraus war. Und nun wurde sie verheizt, nur um eine Niederlage zu verschleiern, die ohnehin jeder sehen konnte.
Er warf einen Blick auf die massiven Fernschreiber, die an der Längswand des Bunkers aufgereiht waren. Die Siemens & Halske T52, auch „Geheimschreiber“ genannt. Wunderschöne, komplexe Maschinen, deren Walzen und Rotoren in den letzten Jahren den Tod tausender Seeleute übermittelt hatten. Jetzt standen sie still, getrennt vom Stromnetz, bereit für die Zerstörung mit dem Vorschlaghammer, der bereits neben der Stahltür lehnte.
„Was ist mit der Linie Bernstein?“, fragte Friedrich leise. Er wusste, dass er damit ein Risiko einging. Von Stetten war unberechenbar geworden, seit die Nachricht von Hitlers Tod durchgesickert war. Manche Offiziere klammerten sich an den Endsieg, andere an den Selbstmord, und wieder andere, die gefährlichsten, an Pläne für die Zeit „danach.“
Der Major hielt in seiner Bewegung inne. Er war gerade dabei, eine Festplatte aus einem der frühen, experimentellen Magnetbandspeicher zu reißen. Langsam drehte er sich zu Friedrich um. In dem flackernden Licht der nackten Glühbirne wirkten seine Augenhöhlen wie dunkle Krater.
„Die Linie Bernstein existiert nicht, Kellner. Das wissen Sie.“
„Ich meine die physische Verbindung“, präzisierte Friedrich und zwang seine Stimme zur Festigkeit. Er war einundzwanzig Jahre alt, ein Funker, der wegen seines Talentes für komplexe Schaltkreise nicht an die Ostfront geschickt worden war. Er hatte hier überlebt, im Bauch des falschen Leuchtturms. „Das Erdkabel. Die Direktverbindung zum Zwilling.“
Von Stetten trat einen Schritt näher. Der Geruch von altem Schweiß und teurem Cognac ging von ihm aus. „Der Zwilling schläft“, sagte er leise, fast verschwörerisch. „Und wir werden ihn nicht wecken. Aber wir werden ihn auch nicht töten.“
Das war es, was Friedrich befürchtet hatte. Der Befehl der Admiralität lautete Regenbogen – Selbstversenkung, totale Zerstörung aller militärischen Infrastruktur. Aber von Stetten spielte sein eigenes Spiel. Die „Linie Bernstein“ war das bestgehütete Geheimnis dieser Anlage. Während der Turm in Wellingdorf offiziell als Relaisstation für den U-Boot-Funk diente und seine Signale über die Antennen in den Äther schickte, verlief tief unter dem Fundament ein armdickes, bleiummanteltes Koaxialkabel quer durch Schleswig-Holstein. Es war eine Standleitung, sicher vor jeder Funkpeilung, sicher vor jedem Abhörversuch der Alliierten. Sie verband diesen Turm mit einer identischen Anlage, tief versteckt im Hinterland, getarnt als landwirtschaftliches Nutzgebäude. Ein redundantes System. Ein Backup für den Fall, dass Kiel fiel.
Kiel war gefallen.
„Wir können das Kabel nicht einfach liegen lassen“, wandte Friedrich ein. Er versuchte, sachlich zu argumentieren, technisch. „Wenn die Briten die Pläne finden, werden sie graben. Sie werden dem Kabel folgen. Und sie werden den Zwilling finden.“
„Sie werden keine Pläne finden“, entgegnete von Stetten und warf einen weiteren Stapel Papier ins Feuer. „Weil Sie sie gerade verbrennen, Kellner. Und was das Kabel betrifft: Wir kappen es nicht. Wir versiegeln es.“
Der Major ging zu einer schweren Wandkonsole am Ende des Raumes. Dort, hinter einer Abdeckung aus Bakelit, befanden sich keine gewöhnlichen Schalter, sondern eine Reihe von Steckverbindungen und ein nummeriertes Tastenfeld, das an eine primitive Rechenmaschine erinnerte. Es war die Steuereinheit für den Tiefenspeicher, den Serverraum des Zwillings.
„Die Anlage dort drüben“, von Stetten machte eine vage Handbewegung nach Nordwesten, „ist vollautomatisch. Sie braucht keine Mannschaft. Die Generatoren springen an, wenn das Signal ausbleibt, und gehen in den Schlafmodus, wenn der Akku voll ist. Sie kann Jahre überdauern. Jahrzehnte, wenn nötig.“
„Wozu?“, fragte Friedrich. Es war eine dumme Frage. In diesen Tagen gab es kein „Wozu“ mehr, nur noch ein „Wie lange noch.“
Von Stetten lächelte, und es war kein angenehmes Lächeln. Es war das Lächeln eines Mannes, der glaubte, schlauer zu sein als die Geschichte. „Information ist Macht, Gefreiter. Wir haben Daten auf den Bändern drüben, die unbezahlbar sind. Namen. Konten. Technische Patente. Dinge, die wir als Verhandlungsmasse brauchen werden, wenn sich der Staub gelegt hat. Oder als Startkapital für das neue Reich.“
Er zog einen kleinen, flachen Gegenstand aus seiner Brusttasche. Es war ein Lochstreifen aus Metall, kaum größer als ein Lesezeichen, gestanzt mit einem unregelmäßigen Muster aus winzigen Löchern. Das Licht fing sich im gebürsteten Stahl.
„Das ist der Schlüssel“, sagte von Stetten. „Ohne diesen physischen Code kommt niemand in den Kontrollraum des Zwillings. Die Stahltüren dort sind Banktresore. Und elektronisch gesichert durch eine Verschlüsselung, die selbst Ihre geliebte Enigma wie ein Kinderspielzeug aussehen lässt.“
Friedrich starrte auf den Metallstreifen. Er kannte das System. Er hatte geholfen, es zu installieren. Es basierte auf einer mechanischen Abtastung, kombiniert mit einem frühen Röhrencomputer-Impuls. Wenn man versuchte, die Tür gewaltsam zu öffnen oder den falschen Code eingab, würde ein thermischer Satz im Inneren zünden und den gesamten Speicherinhalt zu geschmolzenem Plastik und Eisen reduzieren.
„Ich werde den Turm verlassen“, fuhr von Stetten fort. Er klang plötzlich sehr geschäftsmäßig. „Ich werde mich nach Flensburg absetzen, zur Regierung Dönitz. Sie, Kellner, haben eine letzte Aufgabe.“
Er legte den Metallstreifen auf den Tisch zwischen ihnen.
„Sie werden diesen Schlüssel verstecken. Hier im Turm. An einem Ort, den die Briten nicht finden, den wir aber wiederfinden können, wenn die Zeit reif ist.“
Friedrichs Herz schlug bis zum Hals. „Warum nehmen Sie ihn nicht mit?“
„Weil ich durchsucht werden könnte. Weil ich gefangen genommen werden könnte. Ein Offizier mit einem seltsamen Metallstreifen erregt Aufmerksamkeit. Ein Zivilist, zu dem Sie ab morgen werden, der in den Trümmern lebt… niemand achtet auf die Trümmer.“ Von Stetten griff nach seiner Dienstpistole, prüfte das Magazin und steckte sie zurück in den Holster. „Verstecken Sie ihn gut. Und dann verschwinden Sie. Wenn Sie reden, Kellner, dann finden wir Sie. Egal, wer den Krieg gewonnen hat.“
Mit diesen Worten drehte sich der Major um und verließ den Bunker. Friedrich hörte seine Stiefel auf der Eisentreppe, dann das Zuschlagen der schweren Stahlschott-Tür im oberen Stockwerk. Dann war es still.
Friedrich war allein. Allein mit den sterbenden Maschinen, dem verbrannten Papier und dem Schlüssel zu einem Geheimnis, das er nicht haben wollte.
Er nahm den Metallstreifen in die Hand. Er war schwerer, als er aussah. Kalt. Linie Bernstein. Der Zwilling im Wald. Er wusste genau, wo er stand. Er war einmal dort gewesen, zur Wartung der Kühlanlagen. Ein unscheinbarer Silo, mitten im Nadelwald, umgeben von einem doppelten Zaun, den man für eine Wildsperre halten konnte. Unter der Erde jedoch summten die Röhren.
Friedrich wusste, dass von Stetten wahnsinnig war. Wenn diese Daten – was auch immer sie waren – erhalten blieben, würde der Krieg nie wirklich enden. Er würde nur seine Form ändern. Aus Bomben würden Erpressungen, aus Frontlinien würden Schattennetzwerke.
Er sah sich im Raum um. Die Zerstörung musste gründlich sein. Er griff nach dem Vorschlaghammer. Mit einer fast therapeutischen Wut drosch er auf die Siemens T52 ein. Bakelit splitterte, Tasten sprangen durch den Raum wie Geschosse, Metall verbog sich. Er zerstörte die Funkgeräte, die Empfänger, die Kontrollpulte. Er arbeitete sich durch den Raum, schweißgebadet, getrieben von der Angst, dass die Briten jeden Moment die Tür aufsprengen könnten.
Als nur noch Schrott übrig war, stand er vor der Wandkonsole der Linie Bernstein. Er konnte das Kabel nicht kappen, es lag zu tief im Fundament. Aber er konnte den Zugang verwehren.
Er blickte auf den Metallstreifen in seiner Hand. Von Stetten hatte befohlen, ihn zu verstecken, damit sie – die alten Kameraden, die Werwölfe, die Ewiggestrigen – ihn wiederfinden konnten.
Friedrich traf eine Entscheidung. Er würde ihn verstecken. Aber nicht so, wie der Major es wollte. Er würde ihn so verstecken, dass nur jemand ihn finden konnte, der verstand, was dieser Ort wirklich war. Jemand, der die Sprache der Technik sprach, nicht die der Ideologie.
Er ging in den Nebenraum, wo die Notstromaggregate standen. Dort, im Boden eingelassen, befand sich ein Wartungsschacht für die Hauptstromzufuhr. Es war ein enges, schmutziges Loch, bedeckt mit einer schweren Riffelblechplatte. Friedrich hob sie an. Darunter verliefen die dicken, isolierten Kabelstränge wie die Gedärme eines riesigen Tieres. Er kletterte hinein, zwängte sich durch den engen Spalt zwischen den Leitungen und der Betonwand, bis er den tiefsten Punkt erreichte, dort, wo das Fundament auf den gewachsenen Lehmboden von Wellingdorf traf.
Dort, in einer kleinen Nische hinter einer Verteilerdose, die schon seit Jahren nicht mehr geöffnet worden war, klebte er den Metallstreifen mit Isolierband an die Rückseite des Keramikgehäuses. Es war ein Ort, den kein Plünderer je untersuchen würde. Kein Soldat würde hier nach Gold suchen. Nur ein Techniker, der eine Leitung reparieren müsste, würde jemals diesen Deckel öffnen.
Er kletterte wieder heraus, schraubte die Bodenplatte fest und verteilte Staub und Ruß darüber, bis sie aussah wie der restliche Boden.
Dann ging er zurück in den Hauptraum. Er nahm das Logbuch der Wache – das einzige Buch, das er nicht verbrannt hatte – und riss eine leere Seite heraus. Mit einem Bleistiftstummel schrieb er hastig ein paar Zeilen. Es war kein Geständnis. Es war eine Warnung. Und ein Hinweis, verschlüsselt in einer Art, die nur Sinn ergab, wenn man die Topographie dieses Ortes kannte. Er faltete den Zettel und steckte ihn in seine eigene Tasche. Das war für später. Für seine Tochter vielleicht, wenn er jemals eine haben würde. Oder für sein Gewissen.
Friedrich Kellner löschte das Licht.
Die Dunkelheit, die ihn umfing, war absolut. Er tastete sich zur Treppe. Als er die schwere Stahltür erreichte, die den Bunker vom Turmschaft trennte, hielt er inne. Er legte die Hand auf den kalten Stahl. Unter seinen Füßen summte es leise. Ganz schwach. Eine Frequenz, die so tief war, dass man sie eher spürte als hörte. Das war der Zwilling. Er wartete. Er lauschte auf ein Signal, das nicht mehr kommen würde.
Friedrich verließ den Turm.
Draußen war die Nacht hell erleuchtet, aber nicht vom Mond. Über der Förde hingen Leuchtkugeln an Fallschirmen, und der Himmel im Westen glühte rot vom Feuerschein brennender Gebäude. Der Lärm war ohrenbetäubend – Sirenen, Schreie, Explosionen. Aber für Friedrich war es seltsam still. In seinem Kopf hörte er nur das Rauschen der Linie Bernstein. Das Rauschen einer offenen Leitung, an deren anderem Ende niemand abnahm.
Er schloss die schwere Eisentür des Turmeingangs von außen ab und warf den Schlüssel in den hohen Klee, der auf dem Brachland neben der Straße wuchs. Dann drehte er den Kragen seiner Uniformjacke hoch, riss die Hoheitsabzeichen ab und warf sie in den Schlamm. Er war jetzt kein Obergefreiter mehr. Er war ein Zivilist auf dem Heimweg.
Er ging die Wischhofstraße hinunter in Richtung Hafen, vorbei an den dunklen Fenstern der Häuser, hinter denen Menschen den Atem anhielten und auf das Ende der Welt warteten. Friedrich wusste, dass die Welt nicht enden würde. Sie würde sich nur neu ordnen. Und unter den neuen Straßen, den neuen Häusern, die man auf den Trümmern bauen würde, würde das alte Netz weiterleben. Pulsierend. Wartend.
Drei Jahre später: 12. Juni 1948
Der Lärm der Presslufthämmer war seit Tagen der Soundtrack der Wischhofstraße. Die britische Militärregierung hatte angeordnet, alle verbliebenen militärischen Hochbauten zu schleifen. Der „Leuchtturm“ war eines der letzten Relikte.
Friedrich stand in der Menge der Schaulustigen, gut hundert Meter entfernt. Er trug einen grauen Arbeiteranzug und hielt die Hand seiner kleinen Tochter Ingrid, die gerade laufen gelernt hatte.
„Bumm?“, fragte das Kind und zeigte mit dem Finger auf den Turm.
„Ja, gleich macht es Bumm“, sagte Friedrich leise. Er spürte einen Kloß im Hals. Er hatte seit jener Nacht im Mai ‚45 nicht mehr über den Keller gesprochen. Er hatte geheiratet, eine Arbeit als Elektriker gefunden, versucht, ein normales Leben zu führen. Aber der Turm war immer da gewesen, wie ein steinerner Vorwurf am Ende seiner Straße.
Er hatte gesehen, wie die Sprengmeister die Ladungen anbrachten. Sie waren gründlich, aber nicht gründlich genug. Sie würden den Schaft sprengen, das Mauerwerk zum Einsturz bringen. Aber sie hatten nicht tief genug gegraben. Sie wussten nichts von dem Bunker. Sie wussten nichts von der zweiten Ebene unter dem Fundament. Sie würden einfach Trümmer auf Trümmer häufen. Sie würden Erde darüber schieben und Gras säen.
Die Sirene heulte auf. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Die Explosion war kurz und trocken. Eine Staubwolke schoss aus dem Sockel des Turms, dann knickte das Mauerwerk ein, als wäre es aus Pappe. Der Turm neigte sich zur Seite, fast majestätisch, bevor er in sich zusammenbrach und in einer gewaltigen Wolke aus rotem Staub und grauem Mörtel verschwand. Die Erde bebte kurz, dann war es vorbei.
Die Menge applaudierte verhalten. Es war ein Applaus der Erleichterung. Ein weiteres Stück Krieg war weg.
Friedrich applaudierte nicht. Er starrte auf den Haufen aus Ziegelsteinen und Betonbrocken. Er wusste, dass das Wichtigste überlebt hatte. Der Bunker war intakt. Verschüttet, begraben unter Tonnen von Schutt, aber intakt. Die Stahltür war versiegelt. Und dahinter, in der Dunkelheit, klebte ein kleiner Metallstreifen an einer Verteilerdose. Und noch tiefer, im Boden, lief das Kabel weiter.
Er spürte Ingrids kleine Hand in seiner. Sie würde hier aufwachsen. Vielleicht würde sie eines Tages verstehen, was Geschichte wirklich bedeutete. Dass Geschichte nicht das ist, was in Büchern steht oder was man abreißt. Geschichte ist das, was übrigbleibt, wenn der Lärm verhallt ist.
„Komm“, sagte er zu seiner Tochter. „Gehen wir nach Hause.“
Er drehte sich um und ging. Aber er wusste, dass er nicht entkommen konnte. Niemand konnte das. Die Vergangenheit hatte eine lange Halbwertszeit, besonders hier in Wellingdorf. Und der Zwilling im Wald… der Zwilling wartete noch immer. Friedrich hatte in den letzten drei Jahren oft versucht, sich einzureden, dass die Batterien dort drüben längst leer waren, dass die Feuchtigkeit die Elektronik zerfressen hatte. Aber er kannte die deutsche Ingenieurskunst. Er kannte die Obsession von Männern wie von Stetten.
Das System war gebaut, um zu überleben.
Und während Friedrich Kellner mit seiner Tochter die Straße hinaufging und der Staub der Sprengung sich langsam auf die Dächer von Wellingdorf legte, begann tief unter der Erde, im versiegelten Dunkel des Bunkers, eine kleine rote Kontrollleuchte im Takt zu blinken. Ein Fehlerimpuls. Eine Störung durch die Erschütterung der Sprengung.
Es war kein Abschied. Es war ein Standby-Signal.
Und es würde blinken, lange nachdem Friedrich Kellner tot war. Es würde blinken, bis jemand käme, der die richtigen Fragen stellte. Jemand, der verstehen würde, dass ein Leuchtturm ohne Meer kein Navigationsfehler war, sondern ein Wegweiser in die Tiefe.
Die Zeit verging. Die Trümmer wurden weggeräumt. Ein neues Haus wurde gebaut, ein schlichtes Wohnhaus der fünfziger Jahre, direkt auf dem Fundament des alten Turms. Friedrich zog mit seiner Familie dort ein, als Mieter im Erdgeschoss, eine Ironie des Schicksals, die er schweigend akzeptierte. Er wurde zum Wächter, ohne dass es jemand wusste. Er pflanzte Rosenbeete dort, wo der Notausstieg war. Er baute eine Schaukel über dem Luftschacht.
Er wurde alt. Ingrid wurde erwachsen, studierte Geschichte, suchte nach Antworten in Archiven, ohne zu wissen, dass die größte Antwort direkt unter ihren Füßen lag. Friedrich starb 1998, das Geheimnis auf den Lippen, aber nie ausgesprochen. Das Tagebuch, in dem er die Koordinaten und den Code versteckt hatte – nicht als Text, sondern als Reihe von scheinbar harmlosen Skizzen und Schaltplänen – landete in einer Kiste auf dem Dachboden.
Und unten, in der Dunkelheit, wartete der Schlüssel. Das Kabel pulsierte nicht mehr, es war still geworden. Aber die Leitung war physisch intakt. Sie wartete auf einen neuen Strom, einen neuen Impuls, eine neue Generation von Nutzern, die keine Ideologie mehr brauchten, sondern nur Infrastruktur. Schatten, die im Digitalen lebten und analoge Verstecke suchten.
Bis zum Winter 2025. Als ein alter Mann am Fenster gegenüber, der Hafenmeister, etwas sah, was er nicht hätte sehen dürfen. Und als eine Historikerin auf dem Dachboden ein altes Buch öffnete und ein Lesezeichen herausfiel, das gar kein Lesezeichen war.
Das Schweigen war gebrochen. Der Zwilling war aufgewacht.

 
1. Kapitel
 
Der Januar in Kiel war keine Jahreszeit, er war ein Aggregatzustand der Resignation. Es war der fünfzehnte des Monats, ein Donnerstag, und die Stadt schien sich entschieden zu haben, das Tageslicht komplett zu überspringen und direkt von der Morgendämmerung in die Abenddämmerung überzugehen. Der Himmel hing tief und schwer über der Förde, eine graue, undurchdringliche Masse, die nahtlos in das bleierne Wasser der Schwentine überging. Der Wind drückte aus Nordwest und trieb Nieselregen vor sich her, der nicht fiel, sondern in waagerechten Schleiern durch die Wischhofstraße schwebte und sich in jede Ritze von Mauerwerk und Kleidung setzte.
Edwin Kowalski stand am Fenster seines Arbeitszimmers im ersten Stock der Hausnummer 17 und betrachtete das Schauspiel mit einer Mischung aus meteorologischem Interesse und persönlicher Abneigung. Sein Atem beschlug leicht die Scheibe, ein physikalischer Beweis für die schlecht isolierten Fensterrahmen des Altbaus, die er eigentlich schon im letzten Sommer hatte austauschen lassen wollen. Er wischte das Kondenswasser mit dem Ärmel seines grauen Wollpullovers weg – eine Geste, die ihm sofort missfiel, weil sie fusselige Rückstände auf dem Glas hinterlassen könnte.
Von seinem Aussichtspunkt hatte er die perfekte strategische Übersicht über sein kleines Universum. Schräg gegenüber, in der Nummer 16, waren die Rollläden im ersten Stock noch heruntergelassen. Das war typisch für Axel Zumdick, seinen Partner und Nachbarn, dessen Biorhythmus dem eines Bären im Winterschlaf glich. Links neben Edwins Haus, in der Nummer 15, war es ruhig; die Familie Hoffmann war ausgeflogen, gefangen im Hamsterrad des Alltags.
Edwins Blick wanderte nach rechts, zum Haus Nummer 19. Es war sein direkter Nachbar, nur getrennt durch einen schmalen Streifen verwilderten Gartens und eine wuchernde Rhododendronhecke. Im Gegensatz zu den sanierten Backsteinfassaden der Nummer 17 und 15 wirkte die Nummer 19 wie ein Relikt. Das Haus lag etwas zurückgesetzt, der Putz war vergilbt, das Dach moosbewachsen. Es wirkte, als würde es sich vor der modernen Welt verstecken wollen. Vor der Einfahrt, halb überwuchert von Unkraut, glänzte ein schwerer gusseiserner Schachtdeckel im Regen, dessen Prägung S-1529 kaum noch zu lesen war. Edwin hatte sich schon oft gefragt, warum die Stadtwerke diesen einen Deckel bei der letzten Straßensanierung ausgelassen hatten, ihn aber als irrelevante Anomalie in seiner mentalen Karte abgelegt.
Draußen, auf der nassen Fahrbahn, kämpfte sich ein Gelenkbus der KVG die leichte Steigung hinauf, seine Reifen zischten auf dem Asphalt wie wütende Schlangen. Das Scheinwerferlicht spiegelte sich verzerrt in den Pfützen, tanzende Geisterlichter in einer Welt aus Grau und Anthrazit. Es war kurz nach drei Uhr nachmittags, aber in Edwins Gemüt fühlte es sich an wie Mitternacht. Die festliche Euphorie der Weihnachtszeit war verflogen, die Silvesterraketen waren längst als matschiger Pappmüll von der Stadtreinigung entfernt worden, und was blieb, war das lange, ereignislose Loch des Winters.
Er drehte sich um. Sein Arbeitszimmer, das mittlerweile auch offiziell als „Einsatzzentrale“ der Firma Kowalski & Zumdick – Diskrete Ermittlungen firmierte, bot einen scharfen Kontrast zur Unordnung draußen. Hier herrschte die beruhigende Symmetrie der Logik. Auf dem großen Schreibtisch aus heller Eiche lag kein einziges Staubkorn. Die drei Monitore waren millimetergenau ausgerichtet, die Kabelstränge dahinter mit Klettverschlüssen zu sauberen Bahnen gebündelt. An der Wand, direkt neben der gerahmten Urkunde des Landesverdienstordens, hing nun eine großformatige Magnetwand.
Edwin ging zu seinem Heiligtum, der Siebträgermaschine, die auf einem separaten Beistelltisch thronte. Das Gerät, eine Rocket Appartamento, war seine einzige Extravaganz. Das leise Surren der Rotationspumpe war für ihn das Geräusch von Zivilisation. Er mahlte frische Bohnen – eine äthiopische Röstung mit Noten von Bergamotte und Jasmin – und achtete penibel darauf, dass exakt 18 Gramm Kaffeemehl im Siebträger landeten. Er tamperte mit präzisem Druck, spannte den Träger ein und legte den Hebel um. Der Espresso lief in einem dunklen, öligen Faden in die Tasse, gekrönt von einer haselnussbraunen Crema.
Gerade als er den ersten Schluck nehmen wollte, hörte er das vertraute Geräusch des Haustürschlüssels im Schloss, gefolgt vom schweren Poltern von Stiefeln auf den Fliesen im Erdgeschoss.
„Edwin? Sind Sie oben? Ich hoffe, die Heizung läuft auf Hochtouren. Draußen friert einem ja das Gehirn ein.“
Edwin seufzte leise, stellte die Tasse ab und rief in den Flur: „Bitte die Schuhe auf die Abtropfschale, Herr Zumdick. Das Parkett verträgt keine Streusalzlauge.“
Wenige Augenblicke später erschien Axel Zumdick im Türrahmen. Edwins Partner und Nachbar von gegenüber wirkte wie ein Bär, der gerade einen Kampf mit einer Waschanlage verloren hatte. Sein dunkelgrüner Parka war durchnässt, Wasserperlen hingen in seinem kurzen Bart, und seine Brille war so beschlagen, dass er sie abnehmen musste, um Edwin zu sehen. Trotz des Wetters strahlte Axel jene unverwüstliche Energie aus, die Edwin gleichermaßen bewunderte und erschöpfend fand. Das Sabbatjahr, das Axel eigentlich zur Erholung von seinem Job als Mathelehrer und zur Neuorientierung nutzen wollte, hatte ihn physisch noch präsenter gemacht.
„Moin“, sagte Axel und rieb sich die Hände, bis die Knöchel knackten. „Was für ein Schietwetter. Wenn das so weitergeht, wachsen mir Schwimmhäute. Ich habe beim Rüberlaufen fast eine Forelle eingeatmet.“ Er warf einen Blick auf die Espressomaschine. „Ist da noch einer drin? Ich brauche was, das Tote weckt.“
„Die Maschine ist immer bereit“, sagte Edwin und begann routiniert mit der Zubereitung einer zweiten Tasse. „Wie war Ihr Termin beim BKA? Gibt es Neuigkeiten zu den verschwundenen Archivdokumenten?“
Axel ließ sich auf den Besucherstuhl fallen, der unter seinem Gewicht ächzte, und lockerte seinen Schal. „Weber ist nervös. Er sagt es nicht direkt, aber ich kenne ihn lange genug. Die Sache mit den Dokumenten aus dem Stadtarchiv ist größer als gedacht. Es fehlt nicht nur ein bisschen Papierkram über Baugenehmigungen. Es fehlen komplette Bestandslisten der militärischen Infrastruktur am Ostufer zwischen 1943 und 1945. Jemand hat das Archiv gesäubert, Edwin. Und zwar gründlich.“
Edwin reichte ihm den Espresso. Axel trank ihn in einem Zug, als wäre es Wasser, was Edwin innerlich zusammenzucken ließ, aber er kommentierte es nicht.
„Das deckt sich mit meiner Analyse“, sagte Edwin und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er weckte die Monitore aus dem Ruhezustand. Auf dem mittleren Bildschirm erschien eine digitale Karte von Schleswig-Holstein, überzogen mit einem komplexen Netz aus roten Vektoren und Knotenpunkten.
„Was sehen wir hier?“, fragte Axel und lehnte sich vor. „Ihre Kunstprojekte werden immer abstrakter.“
„Das ist keine Kunst, das ist Physik“, korrigierte Edwin und rückte seine Lesebrille zurecht. „Seit wir am 12. Dezember diesen Brief erhalten haben, herrscht Funkstille. Der Leuchtturm ohne Meer hatte einen Zwilling. Dieser Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Ich habe die letzten Wochen damit verbracht, die Funktechnik der Kriegsmarine zu rekonstruieren.“
Er tippte auf die Tastatur, und die Karte zoomte auf Kiel-Wellingdorf. Ein roter Punkt pulsierte auf dem Bildschirm. Er lag exakt über der Wischhofstraße.
„Wir haben immer in die Ferne geschaut“, sagte Edwin leise. Er stand auf und ging zum Fenster. Er zog die Lamelle der Jalousie ein Stück herunter und deutete nach draußen, direkt nach rechts unten.
„Der Turm stand nicht irgendwo in Wellingdorf, Axel. Er stand hier. Direkt nebenan. Nummer 19.“
Axel stand auf und trat neben ihn. Er blickte hinunter auf das verwilderte Grundstück von Dr. Kellner. „Bei der alten Dame? Bei der Historikerin?“
„Der Turm war kein Sender im herkömmlichen Sinne“, erklärte Edwin, seine Stimme nahm den dozierenden Tonfall an, den er in seinen Kolumnen so meisterhaft kultivierte. „Er war ein Relais. Ein Knotenpunkt. Die U-Boote brauchten Langwellensignale. Diese Anlagen brauchen riesige Antennenfelder, die man nicht mitten in einem Wohngebiet verstecken kann. Aber die Steuerung… das Gehirn… das musste geschützt sein. Und was ist unauffälliger als ein Wohnhaus?“
„Und wo war der Körper?“, fragte Axel und starrte auf das Nachbarhaus, als würde es sich jeden Moment in einen Transformer verwandeln.
Edwin ging zurück zum Schreibtisch und drückte eine Taste. Ein zweiter roter Punkt erschien auf der Karte, weit im Nordwesten, irgendwo im Hinterland von Eckernförde. Eine dicke rote Linie verband die beiden Punkte.
„Hier“, sagte Edwin. „Die Theorie der Linie Bernstein. In den wenigen Fragmenten, die die Briten nicht vernichtet oder konfisziert haben, taucht dieser Begriff immer wieder auf. Bernstein. Ein organisches Material, das Informationen aus der Vergangenheit einschließt. Ich vermute, es handelt sich um eine direkte, physische Kabelverbindung. Ein Koaxialkabel, tief vergraben, sicher vor Bomben und Abhörversuchen. Wenn Wellingdorf das eine Ende der Leitung war…“
„…dann muss am anderen Ende der Zwilling stehen“, vollendete Axel den Gedanken. Er starrte auf den Punkt bei Eckernförde. „Ein Waldgebiet. Dünn besiedelt. Ideal für Dinge, die man vergessen machen will.“
„Exakt. Aber bevor wir mit Spaten und Metalldetektoren durch den Wald stapfen, müssen wir sicher sein, dass unsere Prämisse stimmt. Wir stützen uns auf einen anonymen Brief und einen Anruf einer alten Dame. Das ist keine Beweislage, das ist Kaffeesatzleserei.“
Axel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Dr. Ingrid Kellner. Wir drehen uns im Kreis. Sie wohnt direkt nebenan. Sie ist Historikerin. Ihr Vater hat das Haus gebaut. Sie passt ins Profil.“
„Aber wir können nicht einfach rübergehen und fragen: Entschuldigen Sie, Frau Doktor, sind Sie zufällig die mysteriöse Hinweisgeberin, die uns in eine nationale Verschwörung hineinziehen will? Und haben Sie zufällig einen Bunker im Keller?“ Edwin strich eine imaginäre Falte auf seiner Schreibtischunterlage glatt. „Das wäre taktisch unklug.“
„Deshalb lügen wir“, sagte Axel mit einem breiten Grinsen, das in dem grauen Licht des Zimmers fast unheimlich wirkte.
Edwin rümpfte die Nase. „Ich bevorzuge den Begriff legendierte Befragung.“
„Wie auch immer Sie es nennen wollen. Sie sind jetzt Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, Herr Landesverdienstordensträger. Sie schreiben einen Artikel. Über… sagen wir… die unsichtbare Geschichte des Nordens. Orte, die nicht das sind, was sie scheinen. Und Sie brauchen die Expertise einer renommierten Lokalhistorikerin.“
„Das ist dünn, Axel. Sehr dünn.“
„Es ist ein Ego-Streichler. Akademiker lieben es, wenn man ihre Expertise würdigt. Wir gehen rüber, trinken ihren Tee, loben ihre Bücherregale und schauen, wie sie reagiert, wenn wir das Wort Leuchtturm fallen lassen.“ Axel stand auf und griff nach seinem Parka. „Außerdem haben wir keine Wahl. Wir sitzen hier fest. Der Briefschreiber schweigt. Boysen schweigt. Das Archiv ist leer. Und der Weg ist kurz. Wir müssen nicht mal über die Straße.“
Edwin blickte auf die Uhr. 15:42 Uhr. Die Zeit der Dämmerung. „Bei diesem Wetter? Sie wird uns für verrückt halten.“
„Oder für engagiert“, entgegnete Axel. „Kommen Sie. Ich habe gesehen, dass Licht brennt, als ich rüberkam. Sie ist zu Hause.“
Edwin seufzte tief, ein Geräusch, das das Gewicht der Welt trug, aber er stand auf. Er ging zur Garderobe und nahm seinen beigen Trenchcoat vom Bügel. Er hatte ihn imprägniert, aber er traute der Chemie nicht ganz. Er wickelte sich seinen Kaschmirschal akkurat um den Hals und setzte seinen Hut auf – ein klassisches Modell, das ihm eine gewisse Film-Noir-Aura verlieh, zumindest redete er sich das ein.
„Also gut“, sagte Edwin. „Wir statten der Nachbarin einen Besuch ab. Aber ich führe das Wort. Sie neigen dazu, mit der Tür ins Haus zu fallen.“
„Ich bin die Muskeln, Sie sind das Hirn. Wie immer“, bestätigte Axel und öffnete die Wohnungstür.
Der Weg zur Nummer 19 war lächerlich kurz, kaum zwanzig Meter, aber dennoch unangenehm. Der Wind zerrte an Edwins Mantel, und der Regen fühlte sich an wie kleine Eisnadeln auf der Haut. Wellingdorf wirkte ausgestorben.
Als sie aus der Haustür der Nummer 17 traten, verlangsamte Axel seinen Schritt. „Vorsicht. Der Hafenmeister ist auf Posten.“
Edwin blickte unauffällig nach rechts, zum Erdgeschoss ihres eigenen Hauses. Im Fenster von Herrn Boysen bewegte sich die Gardine. Nur minimal, kaum wahrnehmbar, aber für ein geschultes Auge deutlich genug. Boysen, ihr Vermieter und der inoffizielle Blockwart der Wischhofstraße, war wie eine lebende Überwachungskamera, deren Speicher nie voll wurde.
„Er hat uns gesehen“, murmelte Edwin.
„Natürlich hat er das. Wäre ja auch enttäuschend, wenn nicht. Lächeln Sie und winken Sie nicht. Wir gehen nur zum Nachbarn.“
Sie gingen durch das kleine Gartentor der Nummer 19. Edwin blickte kurz auf den Schachtdeckel S-1529, der direkt neben dem Weg im Matsch lag. Er wirkte massiver als die üblichen Deckel.
Edwin drückte den Klingelknopf am Haus. Ein altmodisches Ding-Dong hallte gedämpft durch die Tür.
Es dauerte fast eine Minute, bis sich etwas regte. Dann öffnete sich die Tür einen Spaltbreit, gesichert durch eine Kette. Ein schmales Gesicht mit grauen, streng zum Dutt gebundenen Haaren und einer randlosen Brille erschien im Spalt. Dr. Ingrid Kellner.
„Ja?“ Ihre Stimme war brüchig, aber ihre Augen waren wach und stachen scharf hinter den Gläsern hervor.
„Guten Tag, Frau Dr. Kellner“, begann Edwin und setzte sein höflichstes, harmlosestes Lächeln auf – jenes Lächeln, das er normalerweise für Finanzbeamte oder schwierige Softwarekunden reservierte. „Mein Name ist Edwin Kowalski, das ist mein Kollege Axel Zumdick. Wir sind Ihre Nachbarn aus der Nummer 17. Ich hoffe, wir stören nicht?“
Ihr Blick wanderte von Edwin zu Axel und wieder zurück. Sie musterte den nassen Trenchcoat, die BKA-Statur von Axel, die Entschlossenheit in ihren Gesichtern.
„Ich weiß, wer Sie sind“, sagte sie trocken. „Die Detektive. Ich sehe Sie jeden Tag am Fenster stehen, Herr Kowalski.“
Edwin räusperte sich etwas verlegen. „Eigentlich sind wir hier in meiner Funktion als Kolumnist der Süddeutschen Zeitung“, improvisierte er schnell und zog seine Pressekarte. „Ich recherchiere für einen Artikel über die verborgene Geschichte des Ostufers. Speziell über die Zeit zwischen 1940 und 1950. Man sagte mir, Sie seien die Koryphäe auf diesem Gebiet.“
Die Kette blieb gespannt. Dr. Kellner schien abzuwägen. Edwin konnte förmlich hören, wie die Zahnräder in ihrem Kopf arbeiteten. Prüfte sie ihre Deckung? Oder überlegte sie nur, ob sie Tee für zwei durchnässte Männer hatte?
„Verborgene Geschichte“, wiederholte sie langsam. „Ein weites Feld, Herr Kowalski. Und ein gefährliches. Besonders hier.“
„Genau deshalb sind wir hier“, warf Axel ein, seine Stimme ruhig und tief. „Wir interessieren uns für die Dinge, die unter der Oberfläche liegen. Fundamente, zum Beispiel.“
Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. War es Angst? Oder Erleichterung? Sie löste die Kette.
„Kommen Sie rein, bevor Sie mir den Flur unter Wasser setzen. Aber ich sage Ihnen gleich: Ich habe nichts zu erzählen, was nicht schon in den Büchern steht.“
Sie traten ein. Der Flur roch nach Bohnerwachs, alten Büchern und Lavendel. Es war warm, fast zu warm für Edwins Geschmack. Er spürte sofort, wie seine Brille beschlug, und nahm sie ab. Während er sie putzte, ließ er seinen Blick schweifen. Der Boden war mit einem hochwertigen Parkett ausgelegt, Fischgrätmuster. Aber da war noch etwas. Eine subtile Vibration, kaum merklich, wenn gerade kein LKW draußen vorbeifuhr.
Dr. Kellner führte sie in das Wohnzimmer. Es war bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt. Ein Paradies für jeden Bibliophilen. Edwin registrierte die Titel: Regionalgeschichte, Architektur, aber auch Bände über Kryptografie und Nachrichtentechnik, die seltsam deplatziert wirkten zwischen den Heimatromanen.
„Setzen Sie sich“, bot sie an und deutete auf ein Biedermeier-Sofa. „Ich mache Tee. Ostfriesenmischung.“
Während sie in die Küche ging, beugte sich Axel zu Edwin. „Hast du die Fotos im Flur gesehen?“, flüsterte er.
„Nein, ich war mit meiner Brille beschäftigt. Was ist damit?“
„Schwarz-Weiß. Ein Mann in Marineuniform. Aber ohne Abzeichen. Das muss ihr Vater sein. Der, der hier gewohnt hat, als der Turm noch stand. Als der Turm hier war.“
Edwin nickte. Er stand auf und trat an eines der Regale. Er suchte nach Anomalien. In der Reihe über „Deutsche Befestigungsanlagen“ fiel ihm ein Band auf. Der Rücken war gebrochen. Die Bunkeranlagen der Kriegsmarine – Band 4: Norddeutschland. Aus dem Buch ragte ein Stück Papier hervor. Kein normales Lesezeichen. Es sah aus wie ein Streifen altes, vergilbtes Millimeterpapier.
Edwin widerstand dem Impuls, es herauszuziehen. Er hörte das Klappern von Porzellan aus der Küche.
„Interessante Lektüre“, sagte er laut, als Dr. Kellner mit einem Tablett zurückkehrte.
Sie stellte das Tablett ab, ihre Hände zitterten leicht. „Erinnerungen, Herr Kowalski. Mein Vater war Elektriker. Er hat sich für technische Bauten interessiert.“
„Elektriker“, wiederholte Edwin und setzte sich wieder. „Ein nützlicher Beruf in einer Zeit, in der alles neu verkabelt werden musste.“
Dr. Kellner setzte sich ihnen gegenüber in einen Ohrensessel. „Was wollen Sie wirklich hier? Ein Artikel für die Zeitung? Daran glauben Sie doch selbst nicht.“
Edwin stellte die Tasse ab. Es war Zeit, die Maske fallen zu lassen.
„Wir haben Post bekommen, Frau Dr. Kellner. Handgeschöpftes Papier. Es ging um einen Leuchtturm ohne Meer.“
Stille. Das Ticken einer Standuhr im Flur schien plötzlich ohrenbetäubend laut.
Dr. Kellner rührte ihren Tee nicht an. Sie schloss kurz die Augen. „Ich habe Sie gewarnt“, sagte sie leise. „Ich habe geschrieben, dass manche Wurzeln zu tief sind.“
„Dann waren Sie es“, stellte Axel fest.
„Ich habe Ihnen nur einen Rat gegeben“, wich sie aus, öffnete die Augen wieder und starrte Axel direkt an. „Suchen Sie nicht. Lassen Sie es ruhen. Mein Vater… er hat sein Leben lang geschwiegen, um uns zu schützen. Das, was dort unten liegt…“ Sie deutete vage auf den Boden, direkt unter ihre Füße. „…gehört einer anderen Zeit. Einer Zeit, die nicht sterben will.“
„Wir wissen von dem Zwilling“, sagte Edwin ruhig. „Wir wissen von Eckernförde.“
Bei dem Wort Eckernförde zuckte sie zusammen, als hätte er sie geschlagen.
„Sie wissen gar nichts“, flüsterte sie. „Sie haben keine Ahnung, wer dort zuhört. Wenn Sie nach Eckernförde gehen… wenn Sie den Zwilling wecken…“ Sie brach ab, ihre Miene verhärtete sich. „Ich denke, Sie sollten jetzt gehen. Der Tee wird kalt.“
Es war ein Rauswurf. Höflich, aber unmissverständlich. Edwin wusste, dass weiteres Bohren jetzt sinnlos wäre.
„Natürlich“, sagte Edwin und erhob sich. „Vielen Dank für den Tee.“
Axel folgte ihm zur Tür. Im Flur zog Edwin seinen Mantel an. Er spürte Dr. Kellners Blick in seinem Rücken.
„Herr Kowalski?“, sagte sie, als er die Hand schon auf der Klinke hatte.
Er drehte sich um.
„Ja?“
„Hüten Sie sich vor den Schatten. Nicht alle, die wie Bauern aussehen, sind Bauern. Und nicht alles, was schweigt, ist tot.“
Mit diesem kryptischen Abschiedsgruß schob sie sie förmlich hinaus in den Regen und schloss die Tür.
Edwin und Axel standen wieder im Sturm, nur wenige Meter von ihrer eigenen Haustür entfernt.
„Nicht alles, was schweigt, ist tot“, wiederholte Axel, während sie die wenigen Schritte zurück zur Nummer 17 gingen. „Klingt wie aus einem schlechten Horrorfilm.“
„Oder wie eine präzise technische Beschreibung“, korrigierte Edwin. „Standby-Modus. Systeme, die nur auf einen Input warten.“
„Sie hat Eckernförde bestätigt“, sagte Axel.
„Ich habe mehr gesehen“, sagte Edwin. „In dem Buch über Bunkeranlagen. Da war ein Lesezeichen. Altes Papier. Es sah aus wie ein technischer Schaltplan.“
Sie erreichten ihr Haus. Edwin schloss auf, und die Wärme des Flurs empfing sie wie eine Umarmung.
Edwin ging direkt durch zum Fenster im Wohnzimmer, ohne das Licht anzuschalten. Er spähte durch die Lamellen der Jalousie hinüber zur Nummer 19. Es war beunruhigend nah. Er konnte fast erkennen, welche Bücher in ihrem Regal standen.
„Was glaubt du, macht sie jetzt?“, fragte Axel, der sich neben ihn stellte.
„Sie hat Angst“, sagte Edwin. „Wenn Menschen Angst haben, machen sie Fehler. Sie wird versuchen, das zu schützen, was ihr Vater ihr hinterlassen hat. Vielleicht holt sie das Lesezeichen aus dem Buch.“
Drüben, im Haus der Historikerin, ging das Licht im Wohnzimmer aus. Kurz darauf flackerte ein schwächeres Licht im ersten Stock auf.
„Das Spiel hat sich geändert, Axel“, murmelte Edwin. „Wir suchen keine Geister mehr in der Ferne. Der Geist wohnt nebenan.“
„Eckernförde“, sagte Axel. „Morgen früh?“
„Morgen früh“, bestätigte Edwin. „Ich bereite die Ausrüstung vor. Und ich brauche mehr Kaffee.“
Der Regen trommelte weiter gegen die Scheibe, unermüdlich und kalt. Edwin starrte auf das dunkle Nachbarhaus und auf den nassen Schachtdeckel davor, der im fahlen Licht der Straßenlaterne glänzte. S-1529. Die Variablen füllten sich. Der Leuchtturm ohne Meer hatte sein Licht eingeschaltet, und es war ein dunkles, kaltes Licht, das direkt in Edwins Wohnzimmer schien.