Prolog
Die Nacht vor dem Sturm war keine Nacht im eigentlichen Sinne. Sie war ein Zustand. Ein flirrendes, krankes Dämmern, das sich weigerte, der Dunkelheit Platz zu machen. Es war Freitag, der 19. Juni 2026. Kiel, die Stadt am Wasser, hielt den Atem an. Wie ein Marathonläufer kurz vor dem Startschuss stand sie unter einer fast unerträglichen Spannung. Doch die Luft, die sie in ihren Lungen hielt, war nicht frisch und salzig, wie es sich für die Küste gehörte. Sie war stickig, verbraucht und heiß. Ein massives, meteorologisches Hochdruckgebiet, das die Wetterfrösche im Fernsehen mit einer Mischung aus Faszination und Sorge „Omega-Lage“ nannten, hatte sich wie eine gläserne Glocke über Schleswig-Holstein gestülpt. Die Wärme des Tages konnte nicht entweichen. Sie staute sich in der Förde wie in einem Backofen, reflektiert vom Asphalt der Straßen und dem dunklen Wasser des Hafens. Selbst jetzt, lange nach Mitternacht, zeigte das Thermometer an der Holtenauer Schleuse noch achtundzwanzig Grad Celsius an. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass sie sich auf der Haut wie ein nasser, klebriger Wollfilm anfühlte. Es war jenes Wetter, bei dem alte Menschen schlecht schliefen, Hunde nervös hechelten und die Kriminalstatistik einen Ausschlag bei den Gewaltdelikten verzeichnete.
Der Tiessenkai in Holtenau, jene historische Meile, die normalerweise für maritime Romantik und nostalgische Seefahrt stand, lag verlassen da. Die Buden für das große Fest waren aufgebaut, aber noch verriegelt. Die bunten Wimpelketten hingen schlaff in der windstillen Luft. Es roch nach Brackwasser, nach dem Teer der Poller und nach einer vagen Vorahnung von verbranntem Fett und Zuckerwatte, die ab morgen die Luft dominieren würden.
Eines der Schiffe lag etwas abseits, am prestigeträchtigsten Liegeplatz direkt vor dem alten Leuchtturm, dort, wo die Förde in den Nord-Ostsee-Kanal mündete. Die Sturmvogel. Ein dreimastiger Gaffelschoner, dessen Rumpf schwarz wie Ebenholz im fahlen Licht der Straßenlaternen glänzte. Die Masten ragten hoch in den orangefarbenen Himmel, ein filigranes Netz aus Wanten, Stagen und Pardunen, das von einer längst vergangenen Ära der Seefahrt kündete. Das Schiff war eine Schönheit, eine Diva der Meere, gebaut 1928, um Stürmen zu trotzen und Ozeane zu überqueren. Doch in dieser Nacht wirkte die Sturmvogel nicht stolz. Sie wirkte gefangen. Vertäut mit dicken Trossen, die sie an den Kai fesselten wie ein wildes Tier.
An Bord war es still. Die Crew, eine zusammengewürfelte Truppe aus bezahlten Seeleuten und Servicekräften, war an Land. Sie tranken das letzte Bier vor der großen Woche in einer Kneipe in der Wik oder schliefen in den vorderen Mannschaftskojen den tiefen, traumlosen Schlaf der Erschöpften. Justus von Bargen, der Eigner, war nicht an Bord. Er residierte noch in seiner klimatisierten Villa am Westufer, in Düsternbrook, und bereitete sich mental auf seinen großen Auftritt vor. Er würde erst morgen Vormittag, kurz vor dem offiziellen Typhon-Signal, wie ein König sein Reich betreten. Er ahnte nicht, dass sein Thron bereits wackelte.
Ein Schatten bewegte sich über das Achterdeck. Lautlos, geschmeidig, eine Gestalt, die sich von der Dunkelheit der Takelage löste und mit dem Schiff zu verschmelzen schien. Der Eindringling trug Kleidung, die für diese tropische Nacht viel zu warm erschien: dunkle, lange Ärmel, Handschuhe aus dünnem, reißfestem Nitril und eine Kappe, die tief ins Gesicht gezogen war. Aber der Schweiß, der der Gestalt über den Rücken rann und den Stoff auf der Haut kleben ließ, war irrelevant. Er war nur eine weitere physikalische Variable, die es zu ignorieren galt. Konzentration war alles.
Der Eindringling kannte das Schiff. Er kannte nicht nur die offensichtlichen Wege, die polierten Teakdecks, auf denen morgen der Champagner fließen würde. Er kannte die Winkel. Er wusste, welche Planke knarrte, wenn man darauf trat (die dritte von links am Besanmast), und welche Türangel Öl brauchte (der Niedergang zum Salon). Der Weg führte direkt zum privaten Bereich des Eigners. Die massive Mahagonitür am Ende des Niedergangs war unverschlossen. Von Bargens Arroganz war sein größter Schwachpunkt; er vertraute auf Kameras und Security am Kai, aber er vergaß, dass die wahre Gefahr oft schon im Inneren lauerte.
Der erste Schritt in den Korridor unter Deck war wie das Betreten einer anderen Welt. Hier unten roch es anders. Der Duft von hundert Jahre altem Holz, von Leinölfirnis und Hanf kämpfte einen vergeblichen Kampf gegen den Geruch des neuen Geldes: Synthetischer Teppichreiniger, teures Leder und ein Hauch von jenem aufdringlichen Raumduft, den von Bargen palettenweise ordern ließ, um den „Muff der Geschichte“ zu übertünchen.
Der Eindringling betrat die Kapitänskajüte. Es war keine Kabine mehr, es war ein Penthouse unter Deck. Ein riesiges Doppelbett dominierte den Raum, bezogen mit weißer Seide, die im Licht der kleinen Stiftlampe fast obszön glänzte. Der Lichtkegel tanzte durch den Raum. Er suchte nicht nach Wertsachen. Er suchte nach der Infrastruktur des Todes.
Das primäre Ziel war die Technik. An der Wand, direkt neben dem Eingang zum luxuriösen Badezimmer, hing das Bedienpanel der Klimaanlage. Ein modernes Touchscreen-Display, das blau leuchtete und 21,0°C – STANDBY anzeigte. Ein leises Surren verriet, dass die Kompressoren irgendwo im Maschinenraum im Leerlauf arbeiteten, bereit, auf Befehl Kälte zu liefern. Die behandschuhten Finger glitten über das Display. Nicht hektisch, sondern mit der Präzision eines Chirurgen. Wartungsmodus. Passwortabfrage. Für die meisten wäre hier Endstation gewesen. Aber der Eindringling hatte sich vorbereitet. Das Passwort war lächerlich einfach, das Geburtsdatum von Viktoria von Bargen. Ein Zeichen von Sentimentalität oder Faulheit? Egal. Der Bildschirm wechselte die Farbe von Blau zu einem warnenden Orange. SYSTEM OVERRIDE.
Jetzt begann die eigentliche Arbeit. Der Eindringling zog einen feinen Schraubendreher aus der Tasche und löste die Abdeckung des Panels. Dahinter kamen feine Drähte und Sensoren zum Vorschein, das Nervensystem des Raumes. Mit einer fast zärtlichen Bewegung zog die Gestalt den Temperatursensor heraus – ein kleines, schwarzes Bauteil, kaum größer als ein Streichholzkopf. Aus einer anderen Tasche kam ein kleines Stück Isolierschaum zum Vorschein. Es war kein gewöhnlicher Schaumstoff. Er war getränkt in einer chemischen Lösung, einer Zwei-Komponenten-Mischung, die langsam, über Stunden hinweg, eine konstante Kälte absorbierte und Wärme simulierte? Nein, umgekehrt. Der Eindringling wickelte den Schaum um den Sensor. Das Material isolierte den Fühler von der wahren Raumtemperatur. Das System würde blind werden. Wenn morgen die Sonne auf das Deck knallte und die Temperatur in der Kabine stieg, würde der Sensor weiterhin „Kühl“ melden. Oder noch perfider: Er würde so manipuliert, dass er „Eiszeit“ meldete. Wenn der Sensor glaubt, es seien null Grad, und das System auf einundzwanzig Grad eingestellt ist… dann heizt es. Es würde pumpen. Es würde heiße Luft in einen bereits heißen Raum blasen. Es würde eine thermische Rückkopplungsschleife erzeugen. Ein langsamer, unsichtbarer Tod durch Hyperthermie, getarnt als technischer Defekt.
Der Eindringling setzte die Abdeckung wieder auf. Das Display zeigte nun fiktive Werte an. Die Lüge war programmiert.
Aber Hitze allein war unsicher. Menschen wachten auf, wenn sie schwitzten. Sie bekamen Panik. Sie versuchten zu fliehen. Und sie bekamen Durst. Der Eindringling wandte sich dem Sideboard zu. Der Lichtkegel fiel auf den Champagner. Eine Flasche Dom Pérignon, Jahrgang 2018, stand dort bereit. Ungeöffnet. Aber daneben stand das Glas. Ein schweres Kristallglas, poliert, makellos. Justus von Bargen hatte Rituale. Er trank immer den ersten Schluck allein, wenn er an Bord kam. Ein Moment des Egoismus, bevor er sich der Menge stellte. Die Gestalt zog eine kleine Phiole aus der Tasche. Sie war aus braunem Glas, wie ein Medikamentenfläschchen. Der Inhalt war klar, flüssig. Der Stopfen wurde entfernt. Sofort erfüllte ein intensiver Geruch den Raum, der sich mit dem Leder und dem Parfüm mischte. Süßlich. Schwer. Bittermandel. Der Geruch von Marzipan, von Weihnachten – und von Zyanid. Es war eine riskante Wahl. Zyanid war laut. Aber in Kombination mit der Hitze? Die Hitze würde den Stoffwechsel beschleunigen, das Gift würde rasen. Und die Hitze würde die Spuren verwischen, die Leichenflecken verändern, die Totenstarre manipulieren. Ein einziger Tropfen landete im Glas. Nicht in der Flasche. Nur im Glas. Der Eindringling schwenkte das Glas nicht. Er ließ den Tropfen am Boden trocknen. Es würde kaum sichtbar sein. Wenn von Bargen den Champagner einschenkte, würde sich das Gift sofort lösen. Die Kohlensäure würde den Geschmack maskieren, die Kälte des Weins würde die Zunge betäuben. Der erste Schluck wäre der letzte.
Nun war die Falle scharf. Aber es fehlte noch die Signatur. Ein Mord ohne Botschaft war nur eine Statistik. Dieser Tod hier sollte mehr sein. Der Eindringling ging zum Schreibtisch. Ein modernes Ungetüm aus Glas und Chrom. Darauf lag ein Block mit Briefpapier der Reederei. Die behandschuhte Hand griff nach einem Stift. Es war von Bargens eigener Füllfederhalter, ein Montblanc Meisterstück, der schwer und satt in der Hand lag. Der Eindringling zögerte kurz. Was schrieb man einem Mann, der morgen sterben würde? Nichts. Er würde es nicht mehr lesen. Die Nachricht war für die anderen. Für die Polizei. Für ihn – den Detektiv in Wellingdorf. Die Feder kratzte über das Papier. Schwarze Tinte, satt und permanent. Keine Worte. Nur ein Bild. Ein vertikaler Strich. Ein Bogen unten. Ein Anker. Und dann die geschwungene Linie, die sich um den Schaft wand. Die Schlange. Das Symbol war alt. Älter als die Sturmvogel. Älter als Kiel. Es war ein Symbol, das vergessen worden war, begraben in Archiven. Aber Dinge, die im Wasser lagen, verrotteten nicht immer. Manchmal wurden sie konserviert.
Der Eindringling riss das Blatt ab. Das Geräusch des reißenden Papiers war laut in der Stille. Der Zettel wurde demonstrativ neben das präparierte Glas gelegt. Der Stift wurde exakt parallel zur Tischkante abgelegt. Ordnung musste sein.
Der Rückzug begann. Zurück zur Tür. Dort hielt der Eindringling inne. Der Blick fiel auf die Wand neben dem Eingang. Dort hing ein dekoratives Tauende. Ein Stück Reepschnur, cremefarben, kunstvoll aufgeschossen als Wandschmuck. Die behandschuhte Hand griff danach, prüfte die Festigkeit der Befestigung am Haken. „Morgen“, flüsterte die Gestalt. Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch, rau und leise. Morgen, wenn von Bargen in der Kabine war. Wenn er sich zurückzog, weil ihm die Sonne zu viel wurde oder die Migräne kam – und sie würde kommen, bei diesem Stress. Dann würde dieses Seil seinen Zweck erfüllen. Der Eindringling visualisierte den Knoten. Ein Palstek um die Klinke. Das andere Ende fixiert am massiven Handlauf des Niedergangs gegenüber. Das Seil würde sich spannen, wenn von Bargen von innen die Klinke drückte. Die Geometrie würde gegen ihn arbeiten. Er wäre gefangen. Und wenn er nicht mehr drückte? Wenn er am Boden lag? Dann würde das Seil locker hängen. Unauffällig. Aber noch nicht jetzt. Jetzt musste die Tür offen bleiben. Die Maus musste erst in die Falle gehen, bevor der Riegel fiel.
Der Eindringling ließ das Tau los. Es pendelte leicht. Ein letzter Blick zurück in den Raum. Das Display der Klimaanlage leuchtete unschuldig blau. Das Glas stand bereit, unsichtbar tödlich. Der Zettel lag weiß auf dem dunklen Glas. Zufriedenheit breitete sich aus. Es war keine Freude, eher das Gefühl einer erledigten Pflicht. Eine Korrektur im Logbuch der Realität.
Der Eindringling verließ den Korridor, stieg den Niedergang hinauf und trat wieder in die drückende Nacht hinaus. Die Hitze schlug einem ins Gesicht wie ein nasses Handtuch. Die Gestalt kletterte über die Reling auf den Steg. Die Bewegungen waren fließend. Niemand sah sie. Am Horizont, im Osten über der Ostsee, zeigte sich ein erster, schmutziger Streifen Grau. Der Samstag dämmerte. Der Tag der Eröffnung. Der Tag des Typhon-Signals. Der letzte Tag für Justus von Bargen.
1. Kapitel
1. Kapitel: Die Einsatzzentrale
Der Ventilator in der Ecke des Raumes, ein teures, blattloses Modell, das Edwin aufgrund seiner angeblichen akustischen Unauffälligkeit angeschafft hatte, führte einen verzweifelten und letztlich sinnlosen Kampf. Er schaufelte die Luftmassen von der linken Zimmerecke in die rechte, doch an der physikalischen Grundsituation änderte dies nichts. Die Luft im ersten Stock der Wischhofstraße 17 war keine Mischung aus Stickstoff und Sauerstoff mehr, sie war eine stehende, fast greifbare Masse aus Wärme, Staub und der kollektiven Ausdünstung einer Stadt, die kurz vor dem thermischen Kollaps stand.
Edwin Kowalski saß hinter seinem Schreibtisch und bewegte sich nicht. Jede Muskelkontraktion, so seine Theorie, würde unnötige Körperwärme erzeugen und den metabolischen Umsatz steigern, was wiederum die Schweißproduktion anregen würde. Und wenn es etwas gab, das Edwin noch mehr verabscheute als Unordnung in seinen Akten, dann war es der Verlust der körperlichen Haltung durch Transpiration. Er trug, ungeachtet der tropischen Verhältnisse, ein langärmeliges Hemd aus hellblauer Baumwolle. Die Ärmel waren akkurat bis genau unter den Ellbogen hochgekrempelt, der oberste Knopf war geschlossen. Alles andere wäre eine Kapitulation vor den Elementen gewesen, und Edwin Kowalski kapitulierte nicht. Nicht vor Verbrechern, nicht vor unlogischen Argumenten und schon gar nicht vor einem Hochdruckgebiet.
Sein Blick wanderte durch den Raum, der in den letzten Monaten eine stille, aber fundamentale Transformation durchlaufen hatte. Früher war dies sein privates Arbeitszimmer gewesen, ein hermetisch abgeriegelter Rückzugsort, in dem seine Neurosen und seine genialen analytischen Fähigkeiten in friedlicher Koexistenz lebten. Doch seit dem Winter, seit dem Fall mit dem Bunker und den Söldnern, war die Privatsphäre dem Kommerz gewichen. Ein Schild aus gebürstetem Messing an der Haustür unten verkündete es nun der Welt, und eine gerahmte Gewerbeanmeldung an der Wand neben der Tür bestätigte es bürokratisch: Kowalski & Zumdick – Diskrete Ermittlungen.
Edwin betrachtete das Dokument mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Es war offiziell. Sie waren keine Amateure mehr, die zufällig über Leichen stolperten. Sie waren Dienstleister. Sie zahlten Gewerbesteuer. Sie hatten eine Steuernummer und ein Geschäftskonto, auf dem die Honorare aus dem letzten Fall lagen – eine Summe, die Edwin beruhigte, auch wenn Axel ständig Vorschläge machte, wie man sie in „operative Ausrüstung“ (meistens Gadgets oder Fahrzeuge mit zu viel PS) investieren könnte. Das Büro selbst spiegelte diese Professionalisierung wider. Neben Edwins klinisch aufgeräumtem Glasschreibtisch stand nun ein zweiter, etwas robusterer Tisch aus Eichenholz für Axel. Darauf herrschte das, was Axel „kreatives Chaos“ und Edwin „eine Beleidigung der Symmetrie“ nannte: Stapel von Sportzeitschriften, halb gelöste Sudokus, eine Tüte mit Bonbons und ein Stressball in Form einer Handgranate. An der Wand hing ein großes Whiteboard. Axel hatte es mit dem Enthusiasmus eines frischgebackenen Unternehmers aufgehängt, um „Fälle, Spuren und Mindmaps“ zu visualisieren. Momentan war es schneeweiß und leer. Der Kalender daneben zeigte das Datum: Samstag, 20. Juni 2026. Ein Datum, das in Kiel normalerweise rot, fett und mit Ausrufezeichen markiert wurde. Der Start der Kieler Woche.
Draußen, jenseits der heruntergelassenen Jalousien, die das Zimmer in ein dämmeriges Halbdunkel tauchten, tobte bereits das Leben. Obwohl Wellingdorf auf dem Ostufer lag und damit geographisch vom Epizentrum des Wahnsinns am Westufer getrennt war, kroch der Lärm über die Förde. Ein tiefes, langes Dröhnen ließ die Fensterscheiben in ihren alten Rahmen vibrieren. Das Typhon-Signal. Es war kurz nach elf Uhr vormittags. Drüben am Rathausplatz hatten die Honoratioren soeben das offizielle Startsignal gegeben, und jedes Schiff im Hafen, das über ein Horn verfügte, antwortete nun. Es war ein kakophonischer Chor aus tausend Nebelhörnern, Schiffspfeifen und Sirenen, der den offiziellen Beginn des Ausnahmezustands markierte. Für drei Millionen Besucher bedeutete dieses Geräusch den Startschuss für zehn Tage Segeln, Feiern und Musik. Für Edwin klang es wie der Alarmton für eine bevorstehende Katastrophe.
Er atmete flach ein. Die Luft schmeckte metallisch, trocken. Auf seinem Schreibtisch, exakt ausgerichtet an der Kante seiner Schreibtischunterlage, lag ein Gegenstand, der nicht in dieses geordnete Universum passte. Er lag dort seit Februar. Er war das Zentrum von Edwins Aufmerksamkeit, ein schwarzes Loch, das alle Energie des Raumes absaugte. Ein karierter Zettel. Das Papier war billig, holzhaltig, an den Rändern vergilbt. Es war ein Blatt, das aus einem einfachen Schulblock gerissen worden war; die Perforationskante oben war unregelmäßig, ausgefranst, als hätte jemand mit zitternden oder wütenden Händen daran gezerrt. Der Zettel war geglättet worden, lag wochenlang unter schweren Lexika, aber die Wellen im Papier waren geblieben. Spuren von Feuchtigkeit. Vielleicht Luftfeuchtigkeit aus einer Zelle. Vielleicht Angstschweiß. Edwin kannte die Botschaft auswendig. Er musste sie nicht lesen, die Buchstaben waren in seine Netzhaut eingebrannt wie ein Pixelfehler auf einem Monitor. „Sie haben den falschen Turm abgeschaltet.“ Ein einziger Satz. Grammatikalisch korrekt, inhaltlich kryptisch, psychologisch verheerend. Und darunter die Zeichnung. Mit einem schwarzen, billigen Kugelschreiber hingeschmiert, die Linien tief ins Papier gekerbt: Ein Anker. Und um den Schaft des Ankers wand sich eine Schlange, deren Kopf sich über den Querstock erhob, bereit zum Biss.
Seit vier Monaten starrte Edwin diesen Zettel an. Er war per Post gekommen, adressiert an Axel, abgestempelt in der JVA Lübeck. Sie hatten recherchiert. Sie hatten ihre Kontakte genutzt, sogar Kommissar Weber hatte inoffiziell in den Akten gewühlt. Nichts. Kevin, der junge Hacker aus ihrem letzten Fall, saß in Untersuchungshaft, aber er war ein digitaler Narzisst, kein analoger Briefeschreiber mit Hang zu maritimer Symbolik. Die Söldner waren verteilt oder untergetaucht. Hannes, der Baggerfahrer, war wieder auf dem Bau. Es gab keinen Absender. Keine Fingerabdrücke außer ihren eigenen und denen des Postboten. Keine DNA-Spuren, die in der Datenbank einen Treffer ergaben. Nur dieses Schweigen. Vier Monate lang hatte Edwin jeden Morgen den Briefkasten mit einem Gefühl geöffnet, das er als „statistisch begründete Besorgnis“ bezeichnete, das aber jeder andere Mensch schlicht als Angst erkannt hätte. Er hatte mit Sabotage gerechnet. Mit Reifenstechern. Mit Drohanrufen. Mit neuen Klienten, die sie in eine Falle locken wollten. Aber die Variable blieb stumm. Und genau das machte Edwin wahnsinnig. Eine konkrete Bedrohung konnte man analysieren. Man konnte Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, Kameras installieren, Bewegungsprofile erstellen. Aber Schweigen? Schweigen war eine Leerstelle in der Gleichung. Es war die Unbekannte X, die sich weigerte, aufgelöst zu werden. War es eine Warnung? Ein Versprechen? Oder nur ein sadistisches Spiel, um sie mürbe zu machen? Edwin rückte seine Brille zurecht. Er spürte das Ziehen in seinen Fingerkuppen. Die Narben an seinen Daumen, die er sich zugezogen hatte, als er im Winter den Stromkreis der alten Maschine geschlossen hatte, spannten bei diesem Wetter. Sie pochten im Rhythmus seines eigenen Pulses. Sie waren eine physische Erinnerung daran, dass ihre Arbeit Konsequenzen hatte. Schmerzhafte Konsequenzen.
Er griff nach seiner Espressotasse. Ein doppelter Yirgacheffe, frisch gemahlen, exakt 92 Grad Wassertemperatur bei der Extraktion. Er trank ihn heiß. Die Vorstellung, Kaffee mit Eiswürfeln zu verdünnen – „Cold Brew“ oder „Iced Latte“ –, war für ihn ein kulinarisches Verbrechen, vergleichbar mit dem Ananas-Belag auf einer Pizza. Wärme bekämpfte man nicht mit Kälte, sondern mit Würde. Er hob die Tasse. Der Duft von Jasmin und Bergamotte stieg ihm in die Nase und verdrängte für einen Moment den Geruch des Staubs. Gerade als das Porzellan seine Lippen berührte, hörte er es. Das Quietschen der Gartentür. Edwin seufzte. Er stellte die Tasse ab, ohne getrunken zu haben. Das Quietschen war rhythmisch, gefolgt von dem satten Geräusch schwerer Sohlen auf den Holzstufen des Treppenhauses. Es war kein vorsichtiges Herantasten eines Klienten. Es war ein Angriff auf die Statik des Gebäudes. Jemand nahm zwei Stufen auf einmal. Jemand pfiff. Und dieser Jemand pfiff die Melodie von „La Paloma“, allerdings in einer Dur-Version, die das melancholische Lied in einen fröhlichen Marsch verwandelte.
Die Bürotür wurde nicht geöffnet. Sie wurde aufgestoßen. Der Luftzug, den diese Bewegung erzeugte, wirbelte ein paar Staubflusen auf Edwins Schreibtisch auf. „Moin, Partner!“, dröhnte eine Stimme, die tief genug war, um als Nebelhorn durchzugehen. Axel Zumdick stand im Rahmen. Der „Außendienstleiter“ der Firma füllte den Eingang fast vollständig aus. Axel wirkte wie das blühende Leben inmitten einer sterbenden Wüstenlandschaft. Während Edwin sich fühlte wie eine vertrocknete Zimmerpflanze, strahlte Axel eine Vitalität aus, die fast beleidigend war. Er trug – und Edwin musste blinzeln, um sicherzugehen, dass es keine Halluzination aufgrund der Hitze war – ein kurzärmeliges Hemd. Der Stoff war übersät mit einem Muster aus kleinen, blauen Segelbooten, roten Leuchttürmen und weißen Möwen. Es war eine modische Entgleisung von solch epischem Ausmaß, dass Edwin für einen Moment sprachlos war. Dazu trug Axel eine beige Cargo-Shorts, deren Taschen so prall gefüllt waren, dass sie aussahen, als würden sie Proviant für eine Polarexpedition enthalten, und braune Ledersandalen. Ohne Socken. Immerhin.
„Vierunddreißig Grad!“, rief Axel fröhlich und trat in den Raum. Er wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, aber er wirkte dabei nicht leidend, sondern wie ein Sportler nach einem erfolgreichen Training. „Draußen brennt der Asphalt, Edwin. Die Stadt kocht, die Leute sind gut drauf, und das Typhon-Signal war bis nach Laboe zu hören. Ich sag dir, die Stimmung ist grandios.“ Er ließ sich auf seinen Besucherstuhl fallen, der unter den hundertzehn Kilo Lebendgewicht protestierend ächzte. „Und an der Kiellinie“, fuhr Axel fort, während er eine Papiertüte auf Edwins Schreibtisch legte, aus der es verdächtig nach Fett roch, „gibt es Backfisch, der so frisch ist, dass er dich fast noch beißt. Willst du?“ Edwin schob die Tüte mit der Spitze seines Kugelschreibers von sich weg, als enthielte sie radioaktiven Abfall. „Es sind vierunddreißig Komma sechs Grad, Axel. Die Luftfeuchtigkeit liegt laut meiner Wetterstation bei zweiundachtzig Prozent. Das ist kein Wetter, das ist ein biologisches Experiment“, sagte Edwin kühl. „Die Reproduktionsrate von Salmonellen in den ungekühlten Auslagen der Fressbuden dürfte exponentiell sein. Ich verzichte dankend auf den Fisch.“
Er deutete mit dem Stift auf Axels Oberkörper. „Und was dieses… Textil angeht: Ich hoffe inständig, Sie haben eine Wette verloren. Oder ist das der Versuch, potenzielle Klienten durch visuelle Verwirrung dazu zu bringen, ihre Geständnisse schneller abzulegen, nur damit sie nicht länger hinsehen müssen?“ Axel lachte. Es war ein lautes, herzliches Lachen, das die sterile Stille des Raumes sprengte und die düstere Stimmung, die Edwin aufgebaut hatte, einfach wegfegte. „Das ist der maritime Look, Edwin! Wir sind in Kiel. Es ist Kieler Woche. Wir müssen uns anpassen. Tarnung im urbanen Dschungel. Wenn du aussiehst wie ein Tourist oder ein entspannter Segler, erzählen dir die Leute mehr. Niemand vertraut einem Mann, der bei dreißig Grad im zugeknöpften Hemd hinter Jalousien sitzt wie ein Vampir, der auf den Sonnenuntergang wartet.“ Axel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Außerdem“, sagte er und sein Tonfall wurde eine Spur ernster, „haben wir Post. Offizielle Post. Nicht so ein Werbemüll wie sonst.“
Er griff in die riesige Seitentasche seiner Cargo-Shorts – die linke, nicht die, in der vermutlich der Backfisch-Vorrat steckte – und zog einen Umschlag hervor. Edwin sah sofort, dass dies keine gewöhnliche Post war. Es war kein dünnes Fensterkuvert der Stadtwerke, keine Mahnung und kein billiges Recyclingpapier wie bei dem Drohbrief, der immer noch wie ein Mahnmal auf dem Schreibtisch lag. Es war schweres, cremefarbenes Büttenpapier. Großformatig. Teuer. Die Kanten waren mit einem feinen Goldstrich verziert, der im spärlichen Licht der Schreibtischlampe blitzte. Der Umschlag war nicht zugeklebt, sondern mit einem Siegel aus rotem Wachs verschlossen, das allerdings bereits gebrochen war. „Sie haben die Firmenpost geöffnet, ohne den Eingangsstempel zu benutzen?“, fragte Edwin automatisch, während er die Hand ausstreckte. „Ich war neugierig“, gab Axel zu. „Und der Bote sah wichtig aus. Kein DHL-Fahrer. Ein Typ im Anzug. Hat geschwitzt wie ein Schwein, aber Haltung bewahrt.“
Edwin nahm den Umschlag. Das Papier fühlte sich samtig an, fast wie Stoff. „Ich hoffe, es ist die Steuererklärung für das erste Quartal“, sagte Edwin trocken, obwohl er wusste, dass das Finanzamt niemals Büttenpapier verwendete. „Alles andere, was eine körperliche Bewegung von mehr als zwei Metern oder das Verlassen dieses klimatisch halbwegs kontrollierten Raumes erfordert, lehne ich bei dieser Temperatur kategorisch ab.“ „Besser“, sagte Axel und beugte sich vor. Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht und machte einem Ausdruck von professioneller Schärfe Platz. „Ein Mandat. Oder zumindest eine Anbahnung. Wir sind eingeladen. Heute Mittag. Zur offiziellen Eröffnungsparty. VIP-Empfang.“ Edwin zog die Karte aus dem Umschlag. In geschwungener, geprägter Schrift stand dort: Justus von Bargen und Gattin geben sich die Ehre, Herrn Edwin Kowalski und Herrn Axel Zumdick anlässlich der Eröffnung der Kieler Woche an Bord der SY Sturmvogel zu begrüßen. Samstag, 20. Juni 2026. 13:00 Uhr. Tiessenkai, Holtenau. Um Antwort wird gebeten.
Edwin zog eine Augenbraue hoch. Der Name ließ bei ihm sofort eine Karteikarte im Kopf aufploppen. „Justus von Bargen“, wiederholte er langsam. „Der Immobilien-Tycoon? Der Mann, der den historischen Speicher am Hafen gekauft hat, um ihn in Luxus-Lofts zu verwandeln? Der Mann ist bei der ‚Alten Garde‘ der Kieler Segler in etwa so beliebt wie Hausschwamm im Gebälk. Er steht für alles, was an der Kieler Woche falsch läuft: Kommerz statt Tradition.“ „Genau der“, bestätigte Axel. „Er hat Weber kontaktiert. Heute Morgen. Weber hat mich angerufen, als ich Brötchen geholt habe.“ „Weber vermittelt uns Klienten? Seit wann ist der Hauptkommissar unser Akquise-Manager?“ „Seit von Bargen ihm die Hölle heiß macht. Er wollte keine offizielle Polizei auf seinem Schiff. Keine Uniformen, die die Gäste nervös machen. Er wollte… Diskretion. Er hat explizit nach ‚den Spezialisten vom Bunker-Fall‘ gefragt. Weber hat uns empfohlen. Er meinte, wir hätten Erfahrung mit schwierigen Fällen und exzentrischen Charakteren. Und Weber ist froh, wenn er den Typen vom Hals hat. Die Mordkommission ertrinkt jetzt schon in Arbeit, und die Woche hat noch nicht mal richtig angefangen.“
Edwin legte die Karte auf den Tisch. „Ich gehe nicht auf Partys, Axel. Und schon gar nicht auf Schiffe. Schiffe sind irrational. Der Boden ist instabil. Und man kann nicht aussteigen, wenn einem der Gesprächspartner nicht gefällt. Außerdem habe ich keine Lust, Smalltalk mit einem neureichen Immobilienhai zu führen, der vermutlich will, dass wir seine untreue Ehefrau beschatten oder einen Konkurrenten ausspionieren.“ „Er will uns nicht wegen seiner Frau“, sagte Axel leise. „Und auch nicht wegen der Konkurrenz.“ Er streckte die Hand aus und drehte die Einladungskarte auf dem Schreibtisch um. „Er hat Angst, Edwin. Wirkliche Angst. Und er hat uns einen Beweis geschickt, warum wir die Einzigen sind, die ihm helfen können.“
Edwin starrte auf die Rückseite der edlen Karte. Dort, wo das Papier eigentlich makellos cremefarben sein sollte, war mit einem dicken, roten Filzstift etwas hingeschmiert worden. Es war keine Schrift. Die Linien waren grob, hastig gezogen, so fest, dass die Spitze des Stifts das teure Papier fast durchstoßen hatte. Es sah aus wie eine Wunde auf dem edlen Material. Ein kleiner Anker, dessen Schaft von einer Schlange umschlungen wurde.
Die Kälte kehrte in den Raum zurück. Trotz der vierunddreißig Grad, trotz der stehenden Luft, spürte Edwin einen kalten Schauer, der ihm den Rücken hinunterlief und die feinen Härchen an seinen Armen aufrichtete. Er rückte seine Brille zurecht und beugte sich tief über den Schreibtisch. Er schob den alten, welligen Zettel aus dem Gefängnis, der seit Monaten dort lag, direkt neben die Einladungskarte. Er verglich die Zeichnungen. Der Strich auf der Karte war anders – aggressiver, brutaler, rot statt schwarz –, aber das Motiv war identisch. Die Proportionen, die Art, wie die Schlange sich wand, der Winkel des Ankerstocks – es war dieselbe Ikonografie. Dieselbe Handschrift des Drohens. „Das ist kein Zufall“, murmelte Edwin, und seine Stimme klang plötzlich sehr trocken, befreit von jedem Sarkasmus. „Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei voneinander unabhängige Akteure in Kiel dasselbe obskure Symbol verwenden, liegt im Bereich von eins zu einer Million. Das ist eine Variable, die sich wiederholt. Ein Muster.“ „Jemand schickt ihm dieselben Liebesbriefe wie uns“, stellte Axel fest. „Nur dass von Bargen reicher ist. Und wahrscheinlich deutlich mehr zu verlieren hat.“ „Wann ist der Termin?“, fragte Edwin, ohne den Blick vom Anker zu wenden. „In zwei Stunden. Am Tiessenkai in Holtenau. Wir sollen pünktlich sein. Das Schiff liegt vor dem Leuchtturm.“
Edwin lehnte sich zurück in seinen ergonomischen Bürostuhl. Das Leder knarrte leise. Sein Blick wanderte zum Fenster, hinter dessen Lamellen das Chaos der Kieler Woche tobte. Er dachte an die Menschenmassen, die sich jetzt schon an den Ufern drängten. Er dachte an die verstopften Straßen, den Lärm, die Gerüche von Fisch und Bier. Eigentlich wollte er „Nein“ sagen. Sein ganzer Körper schrie danach. Er wollte diesen Umschlag nehmen, ihn in den Aktenvernichter stecken und sich wieder hinter seinen Jalousien verbarrikadieren, bis der letzte Tourist die Stadt verlassen hatte. Er wollte seine Ruhe. Aber dann sah er wieder auf den Anker. Das Symbol war ein offener Faden in dem Teppich, den er sein Leben nannte. Es war eine ungelöste Gleichung, die ihn nachts wachhielt. Und wenn es etwas gab, das Edwin Kowalski mehr hasste als Hitze und Menschenmassen, dann waren es ungelöste Gleichungen. Er ertrug keine losen Fäden. Sie juckten in seinem Gehirn schlimmer als die Narben an seinen Daumen. Die Ungewissheit der letzten Monate war zersetzend gewesen. Jetzt gab es eine Spur. Er seufzte tief. Es war ein Geräusch der puren, fundamentalen Resignation, aber auch der Entschlossenheit. Er stand auf. Er strich sein hellblaues Hemd glatt. „Also gut“, sagte er. Er ging zum Kleiderschrank, in dem seine Sakkos nach Farben, Stoffdichte und Anlass sortiert hingen. „Schreiben Sie die Anfahrt als Arbeitszeit auf, Axel. Und den Aufschlag für Wochenendarbeit. Und nehmen Sie das Magenmittel mit.“ Er griff nach seinem leichtesten Leinensakko. Ein heller Sandton, atmungsaktiv, italienischer Schnitt. Der einzige Stoff, der ihm bei diesem Wetter eine Restwürde garantieren würde. „Ich hasse Boote“, fügte er hinzu, während er das Sakko vom Bügel nahm und prüfend gegen das Licht hielt. „Sie sind irrational. Sie schwanken. Und man ist gefangen.“ „Das wird ein Spaß“, versprach Axel und klatschte so laut in die Hände, dass Edwin zusammenzuckte. „Endlich wieder Action! Raus aus der Bude! Und wer weiß, vielleicht gibt es auf dem Kahn ja auch vernünftigen Kaffee für dich.“ „Definieren Sie Spaß“, entgegnete Edwin kühl und trat vor den Spiegel, um den Sitz seiner Krawatte zu prüfen – ein Modell aus dunkelblauer Seide mit winzigen, weißen Punkten. „Vermutlich meinen Sie damit Lebensgefahr mit Buffet und Meerblick.“ „So ähnlich“, grinste Axel breit. „Aber immerhin gibt es Champagner. Und wir erfahren endlich, wer uns diesen verdammten Anker in den Briefkasten geworfen hat.“
Edwin nahm seinen Aktenkoffer vom Regal. Er überprüfte den Inhalt: Notizbuch, Stifte, Diktiergerät, Desinfektionsmittel, Handschuhe, Taschenlampe. Alles da. „Das ist die einzige Hoffnung, die mich antreibt“, sagte er. Er ging zur Tür und hielt die Hand über den Lichtschalter. „Gehen wir. Bevor ich es mir anders überlege oder mein Verstand unter der Hitze schmilzt.“ Er schaltete den Ventilator aus. Das Surren verstummte. Die Stille kehrte für eine Sekunde zurück, schwer und drückend. Dann öffnete Axel die Tür zum Treppenhaus. „Nach Ihnen, Chef.“ Der Lärm der Straße brandete herein. Der Fall „Windjammer“ hatte begonnen, auch wenn die Parade erst in einer Woche sein würde. Aber für Edwin und Axel begann der Tanz bereits jetzt. Und Edwin ahnte, dass die Hitze draußen das geringste ihrer Probleme sein würde.
2. Kapitel
2. Kapitel: Transit durch das Chaos
Der Schritt über die Schwelle der Haustür in der Wischhofstraße 17 glich dem Betreten einer industriellen Hochofenhalle, deren Thermostate von einem wahnsinnigen Heizer manipuliert worden waren. In der Sekunde, in der Edwin Kowalski das schützende Halbdunkel des kühlen, nach Bohnerwachs riechenden Treppenhauses verließ und in die gleißende Realität des Kieler Samstags trat, beschlugen seine Brillengläser. Es war kein sanfter Nebel, der sich auf das Glas legte, sondern ein sofortiger, undurchsichtiger Film aus Kondenswasser, der ihm die Sicht raubte und ihn für einen Moment hilflos auf der Fußmatte stranden ließ. „Sichtweite null“, kommentierte er trocken, während er das Brillentuch aus der Innentasche seines Leinenanzugs nestelte. „Wir sind keine zwei Meter weit gekommen, und mein Körper reagiert bereits mit einer physiologischen Panikreaktion auf die klimatischen Bedingungen.“
Axel Zumdick, der neben ihm stand und genüsslich die heiße, feuchte Luft in seine breite Brust saugte, lachte. Es war ein dröhnendes, vibrierendes Lachen, das in Edwins Ohren widerhallte und an das Typhon-Signal erinnerte, das vorhin über die Stadt hinweggefegt war. „Das ist Sommer, Edwin! Das ist Leben! Die Poren öffnen sich, der Stoffwechsel kommt in Schwung. Das ist wie eine kostenlose Sauna, nur mit Klamotten.“ „Eine Sauna verlässt man nach fünfzehn Minuten, um sich abzukühlen“, dozierte Edwin, während er seine Gläser polierte, bis sie wieder makellos waren. „Dieser Zustand hier ist permanent. Und er ist unhygienisch. Sehen Sie?“ Er deutete mit dem nun wieder klaren Blick auf den Asphalt der Wischhofstraße. Die Luft über der schwarzen Fahrbahn flimmerte so stark, dass die geparkten Autos am Straßenrand aussahen, als wären sie Gemälde von Salvador Dalí, deren Konturen langsam in Richtung Rinnstein zerflossen.
„Wir nehmen den Volvo“, entschied Axel und griff in seine Hosentasche, wo der Autoschlüssel klapperte. „Klimaanlage auf ‚Arktis‘, Musik an, und dann gleiten wir ganz entspannt über den Ostring nach Holtenau. Ich habe noch eine Playlist mit maritime Rock-Hymnen zusammengestellt.“ „Auf keinen Fall“, widersprach Edwin sofort und mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch duldete. Er hob den Zeigefinger wie ein Lehrer, der einen Schüler beim Spicken erwischt hatte. „Analyse der Verkehrslage: Es ist Samstag. Es ist der Eröffnungstag. Der Ostring ist ab der Ausfahrt Ellerbek ein einziger, stählerner Parkplatz aus Blech und Frustration. Die B503 Richtung Holtenau ist vermutlich schon ab der Hochbrücke dicht, weil tausende Schaulustige versuchen, zu den Aussichtspunkten an der Schleuse zu gelangen. Wenn wir das Auto nehmen, stehen wir zwei Stunden im Stau, verbrauchen sinnlos fossile Brennstoffe, verpassen den Termin, und mein CO2-Fußabdruck wird so groß wie der eines mittelgroßen Kohlekraftwerks.“ Axel ließ die Schultern hängen. „Aber der Bus ist auch voll. Die Linie 11 ist wahrscheinlich schon ab dem Hauptbahnhof wegen Überfüllung geschlossen.“ „Busse sind rollende Brutkästen für Viren“, stimmte Edwin zu, während er seinen Aktenkoffer fest umklammerte. „Nein. Wir nutzen die einzige Infrastruktur, die in dieser Stadt halbwegs verlässlich funktioniert, weil sie keine Ampeln hat und keine Staus kennt.“ Er deutete vage in Richtung der Schwentine-Mündung. „Das Wasser. Wir nehmen die Fähre.“
„Die F2?“, fragte Axel skeptisch. „Die kleine Nussschale rüber zur Reventloubrücke? Edwin, hast du mal auf die Uhr gesehen? Alle wollen rüber ans Westufer.“ „Sie ist das kleinste Übel in einer Welt voller Übel. Und von der Reventloubrücke nehmen wir die große F1 direkt nach Holtenau. Logistisch betrachtet ist es der effizienteste Weg, auch wenn er eine bedauerlich hohe Exposition gegenüber Menschenmassen beinhaltet.“ „Na schön“, seufzte Axel und steckte den Schlüssel weg. „Dann eben Seefahrt total. Passt ja zum Outfit.“
Bevor sie losgehen konnten, räusperte sich jemand. Das Geräusch klang wie das Knirschen von Kies unter schweren Stiefelsohlen. Edwin und Axel drehten sich synchron nach rechts. Dort, im akkurat gestutzten Vorgarten der Nummer 18, stand Herr Boysen. Der ehemalige Hafenmeister und inoffizielle Blockwart der Wischhofstraße trug trotz der vierunddreißig Grad seine dunkelblaue Lotsenjacke, die er vermutlich nur zum Schlafen und Duschen ablegte. Er hielt einen Gartenschlauch in der Hand, aus dem ein trauriger, dünner Strahl Wasser auf eine einzelne, tapfere Rose plätscherte, die den Kampf gegen die Hitze fast verloren hatte. „Geht los?“, fragte Boysen. Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Sein Blick musterte Edwins Anzug und Axels Hemd mit einer Mischung aus Mitleid und Skepsis. „Dienstlich, Herr Boysen“, sagte Axel und zwinkerte. „Wir müssen nach Holtenau. Einem Reeder das Händchen halten.“ Boysen nickte langsam. Sein Blick, der normalerweise so scharf war wie ein Radar, wirkte heute trübe, fast besorgt. Er schaltete den Wasserstrahl ab, indem er den Schlauch knickte. „Sturmvogel“, sagte er. Nur dieses eine Wort. Es klang nicht wie ein Schiffsname, sondern wie eine Diagnose. Edwin stutzte. Er trat an den niedrigen Gartenzaun. „Woher wissen Sie…?“ „Ich sehe die Post“, unterbrach Boysen ihn. „Der Briefbote hat bei mir geklingelt, weil er dachte, ihr seid nicht da. Cremefarbenes Papier. Goldkante. Das benutzt nur von Bargen. Und ich sehe das Wetter. Eröffnungstag. Da lädt er immer ein.“ Der alte Mann trat einen Schritt näher an den Zaun heran. Er senkte die Stimme, obwohl weit und
