Prolog
Das Moor atmete.
Es war kein Atemzug wie bei einem schlafenden Tier, rhythmisch und warm. Es war ein gieriges, feuchtes Saugen, das aus der Tiefe kam, dort wo der Torf schwarz wurde und die Zeit stillstand.
Hier, im Niemandsland zwischen Schleswig-Holstein und Südjütland, hatte die Nacht eine andere Qualität. Sie war nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie war eine physische Substanz, schwer und klamm, die sich auf die Haut legte und durch die Kleidung kroch, bis sie das Mark erreichte.
Hannes Jensen zog den Kragen seines beigefarbenen Trenchcoats höher. Er wusste, dass er lächerlich aussah. Er trug Halbschuhe aus italienischem Leder, die für das Parkett der Kieler Ministerialflure gemacht waren, nicht für diesen morastigen Untergrund, der bei jedem Schritt schmatzte und versuchte, ihm die Sohlen von den Füßen zu ziehen.
Er zitterte. Nicht nur vor Kälte.
In seiner rechten Hand hielt er ein Tablet, dessen bläuliches Leuchten sein Gesicht in ein gespenstisches Licht tauchte. In der linken Hand umklammerte er einen Laser-Entfernungsmesser, als wäre es eine Waffe.
Aber Hannes Jensen war kein Kämpfer. Er war Vermessungstechniker. Ein Mann der Zahlen, der Katasterblätter und der preußischen Ordnung. Er glaubte an Koordinaten. Er glaubte daran, dass die Welt vermessbar, fixierbar und verlässlich war.
Bis heute Nacht.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er. Seine Stimme wurde sofort vom Wind verschluckt, der über das flache Land fegte und das Schilf zum Rascheln brachte.
Er blickte auf das Display.
GPS-Signal: Genauigkeit < 5 cm.
Soll-Wert Höhenprofil: + 2,40 m über NHN.
Ist-Wert Messung: + 2,38 m.
Alles korrekt.
Er hob den Kopf und blickte in die Dunkelheit.
Vor ihm ragte der Zaun auf.
Der Wildschweinzaun. Ein Monster aus verzinktem Stahl, das die Landschaft zerschnitt wie eine Narbe. Offiziell sollte er die Schweinepest aufhalten.
Aber der Zaun stand falsch.
Hannes hatte es dreimal gemessen. Er hatte die Referenzpunkte am alten Grenzstein 104 geprüft.
Der Zaun verlief nicht auf der Grenzlinie. Er wich ab. Nicht viel. Ein Laienauge hätte es nie bemerkt. Aber der Zaun beschrieb einen sanften Bogen nach Süden, hinein in das deutsche Hoheitsgebiet, um dann, dreihundert Meter weiter östlich, wieder auf die Linie zurückzukehren.
Er umschloss eine Senke. Ein Stück Land, das auf keiner Karte als Besonderheit verzeichnet war.
Aber Hannes sah jetzt, was die digitalen Karten verschwiegen.
Er sah die Erdarbeiten.
Im Schein seiner Taschenlampe erkannte er die frischen Gräben, die parallel zum Zaun gezogen worden waren. Sie waren mit Schotter verfüllt und mit Grasnarbe getarnt, aber für sein geschultes Auge waren sie so offensichtlich wie Neonreklame.
Drainagen.
Aber sie führten kein Wasser ab. Die Neigungswinkel… Hannes rechnete im Kopf.
Sie führten Wasser zu.
Sie bauten kein Abwehrsystem gegen Seuchen. Sie bauten einen Kessel.
„Sie fluten es“, murmelte er. Die Erkenntnis traf ihn wie ein physischer Schlag. „Sie manipulieren das Gelände.“
Er wusste nicht, warum. Er verstand das Motiv nicht. Aber er verstand die Tat. Jemand veränderte die physische Realität der Bundesrepublik Deutschland, und er tat es im Schutz eines Seuchenzauns.
Das war kein Messfehler. Das war Landraub.
Er musste das dokumentieren. Er musste Fotos machen.
Hannes nestelte sein Smartphone aus der Tasche. Seine Finger waren steif vor Kälte. Er öffnete die Kamera-App.
Er fotografierte den Grenzstein, dann den Zaunpfosten, dann das Display seines Messgeräts.
Klick. Klick. Klick.
Geräusche, die in der Stille unnatürlich laut wirkten.
Plötzlich hörte er etwas anderes.
Ein Knacken.
Nicht das Rascheln des Schilfs. Etwas Schwereres.
Hannes erstarrte. Er hielt den Atem an.
Das Wildschwein? Hatte sich ein Tier durch den Zaun gegraben?
Er schwenkte die Taschenlampe. Der Lichtkegel tanzte nervös über das nasse Gras, die schwarzen Wasserlöcher, die grauen Betonfundamente des Zauns.
Nichts.
Nur die Dunkelheit, die ihn anstarrte.
„Hallo?“, rief er. Es war ein dummer Reflex. Wer sollte hier sein, um drei Uhr morgens?
Keine Antwort.
Aber da war ein Geräusch. Ein leises, rhythmisches Plopp-Plopp.
Schritte. Gummistiefel, die sich aus dem Schlamm lösten.
Jemand kam auf ihn zu. Vom Deich her.
Hannes spürte, wie Panik in ihm hochstieg. Kalte, reine Panik.
Er war allein. Er hatte niemandem gesagt, wo er genau war. Nur Karen hatte er gesagt, er müsse „etwas überprüfen.“
Er steckte das Handy weg, griff nach seinem Tablet und dem Messgerät.
Er musste weg. Zurück zum Auto, das er am Waldrand versteckt hatte.
Er drehte sich um und machte einen Schritt. Sein linker Fuß rutschte auf einer nassen Wurzel weg. Er strauchelte, fiel auf ein Knie. Das eiskalte Moorwasser drang sofort durch die Hose.
Er rappelte sich auf.
Da stand er.
Zehn Meter entfernt. Eine Silhouette gegen den wolkenverhangenen Himmel.
Ein Mann. Groß, breit, regungslos. Er trug keine Warnweste, keine Uniform. Er trug Dunkelheit.
Das Gesicht war im Schatten verborgen, aber Hannes spürte den Blick. Es war kein neugieriger Blick. Es war der Blick von jemandem, der ein Problem betrachtet, das gelöst werden muss.
„Herr Jensen“, sagte die Gestalt. Die Stimme war ruhig, fast höflich. Ein leichter Akzent, kaum hörbar. „Sie haben nasse Füße.“
Hannes wich zurück. Er stolperte gegen den Zaun. Der kalte Stahl drückte sich in seinen Rücken. Sackgasse.
„Wer sind Sie?“, fragte Hannes. Seine Stimme überschlug sich. „Ich bin vom Katasteramt. Ich bin im Dienst.“
„Natürlich sind Sie das. Sie sind sehr gründlich, Herr Jensen. Das ist eine bewundernswerte Eigenschaft. Aber leider auch eine gefährliche.“
Der Mann kam einen Schritt näher. Er bewegte sich sicher auf dem unsicheren Boden, als wäre er Teil des Moors.
„Sie haben da interessante Geräte“, sagte der Mann und deutete auf das Tablet, das Hannes vor seine Brust presste wie ein Schutzschild. „Haben Sie gefunden, was Sie gesucht haben?“
„Der Zaun steht falsch“, platzte es aus Hannes heraus. Er konnte nicht anders. Er war Techniker. Die Wahrheit musste ausgesprochen werden. „Die Koordinaten stimmen nicht. Sie haben die Grenze verschoben.“
Der Mann blieb stehen. Er seufzte leise. Ein Geräusch ehrlichen Bedauerns.
„Nein, Herr Jensen. Wir haben die Grenze nicht verschoben. Wir haben sie neu definiert. Grenzen sind fließend. Wie Wasser.“
Hannes sah, wie der Mann die Hand hob. Er hielt nichts darin. Keine Pistole, kein Messer.
Aber er trug Handschuhe. Schwarze Lederhandschuhe, die im schwachen Licht glänzten.
„Ich… ich werde das melden“, stammelte Hannes. „Ich habe die Daten gesichert.“
„Ich weiß“, sagte der Mann. „Deshalb sind wir hier.“
Er kam weiter auf ihn zu. Jetzt sah Hannes das Gesicht. Es war ein normales Gesicht. Glatt rasiert, müde Augen. Das Gesicht eines Mannes, der Buchhalter sein könnte. Oder Arzt.
„Geben Sie mir das Tablet, Hannes.“
Hannes zögerte.
Er dachte an Karen. Er dachte an seinen warmen Schreibtisch in Kiel. Er dachte an die Ungerechtigkeit, hier draußen zu sterben, im Dreck, für ein paar Meter Drahtzaun.
Er drehte sich um. Er wollte rennen. Am Zaun entlang, zur Lücke im Wald.
Aber der Boden verriet ihn.
Er machte zwei Schritte, dann sank er ein, tief, bis zur Wade. Ein Sumpfloch.
Er schrie auf, versuchte, das Bein herauszuziehen. Der Schlamm hielt ihn fest wie Beton.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Schwer, fest, unerbittlich.
Kein Schlag. Kein Schmerz. Nur Druck.
Der Mann drückte ihn nach unten.
„Ganz ruhig“, sagte die Stimme dicht an seinem Ohr. „Kämpfen macht es nur schlimmer. Das Moor mag keine Hektik.“
Hannes wurde in die Knie gezwungen. Sein Gesicht war jetzt nur noch Zentimeter vom schwarzen Wasser entfernt. Er roch den fauligen Atem der Erde.
„Bitte“, wimmerte er. „Ich sage nichts. Ich lösche alles.“
„Zu spät für Backups, Hannes“, flüsterte der Mann.
Dann drückte er zu.
Hannes Gesicht tauchte in das Wasser ein.
Kälte. Eiskalte, schwarze Flüssigkeit, die in seine Nase drang, in seinen Mund, seine Lungen.
Er strampelte. Er schlug um sich. Er spürte Stoff unter seinen Fingern, riss daran.
Aber der Griff in seinem Nacken war aus Eisen.
Die Welt verschwamm. Das bläuliche Leuchten des Tablets, das neben ihm in den Matsch gefallen war, flackerte noch einmal auf. Es zeigte die Karte. Die rote Linie.
Dann wurde es dunkel.
Das Rauschen in seinen Ohren wurde lauter, übertönte den Wind, übertönte die Angst.
Das Moor nahm ihn auf. Es fragte nicht nach Dienstgraden oder Vorschriften. Es nahm einfach.
Der Mann hielt ihn unten. Eine Minute. Zwei Minuten. Er schaute auf seine Uhr. Er war präzise.
Als keine Blasen mehr aufstiegen, ließ er los.
Der Körper von Hannes Jensen trieb kurz auf, das helle Hemd wie eine weiße Fahne im dunklen Wasser.
Der Mann richtete sich auf. Er zog die Handschuhe glatt.
Er bückte sich, hob das Tablet und das Messgerät auf. Er wischte den Schlamm vom Display, schaltete die Geräte aus und steckte sie in eine wasserdichte Tasche.
Dann griff er nach dem Toten. Er zerrte ihn aus dem Wasserloch, zog ihn durch das Gras, hinüber zum Zaunpfosten.
Er lehnte ihn dagegen, fast sitzend, den Kopf zur Seite geneigt.
Es sollte nicht wie Mord aussehen. Noch nicht. Es sollte aussehen wie Schwäche. Wie ein Herz, das stehengeblieben war angesichts der Weite und der Kälte.
Der Mann betrachtete sein Werk.
„Ruhe sanft, Vermesser“, sagte er.
Dann drehte er sich um und ging. Seine Schritte hinterließen kaum Spuren im federnden Boden.
Hinter ihm schloss sich die Dunkelheit wieder. Der Zaun vibrierte leise im Wind, ein stählerner Wächter über einem Grab, das noch keines war.
Das Wasser im Loch glättete sich.
Das Moor hatte sein erstes Opfer. Und es war noch hungrig.
1: Grundberührung
Der Wind kam von West, unverstellt und mit dem Anlauf von dreihundert Kilometern offener Nordsee. Er fraß sich über die flachen Deiche, heulte in den Spannseilen der Windkraftanlagen und trieb den Nieselregen waagerecht über das Land. Es war kein Regen, der fiel; es war Wasser, das in der Luft hing und darauf wartete, gegen etwas Warmes zu prallen.
Hier, im Niemandsland zwischen Süderlügum und der dänischen Grenze, hatte das Wetter keine reinigende Wirkung. Es wusch nichts fort. Es machte alles nur schwerer, zäher, dunkler. Die Erde war ein Gemisch aus Torf, Sand und Jahrtausende altem Pflanzenmodder, eine geologische Erinnerung an Zeiten, als das Meer noch bis hierher reichte. Der Boden sog das Wasser auf, gierig zuerst, dann langsamer, bis er satt war und den Rest abwies. Graue Lachen bildeten sich zwischen den Binsen, blinde Spiegel, die den bleiernen Himmel reflektierten und jeden Schritt in ein schmatzendes Risiko verwandelten.
Kalle Hansen zog den Kragen seiner Warnweste höher, bis das raue Polyester an seinen Ohren kratzte. Es nützte nichts. Die Nässe saß längst in den Fasern seines Wollpullovers, eine klamme Kälte, die ihm in den Nacken kroch und sich dort festbiss. Er spürte das vertraute Ziehen in seinem unteren Rücken, der Preis für dreißig Jahre auf dem Bau. Er hasste diesen Abschnitt. Sektor 4-B. Das Gelände war tückisch, der Untergrund instabil – eine geologische Wundertüte aus Treibsandlinsen und versunkenen Baumstümpfen. Ein Gummistiefel-Friedhof, wie die Alten sagten.
„Noch drei Pfosten!“, rief Piet gegen den Wind an. Seine Stimme klang dünn, fast verschluckt von der Weite.
Piet stand zwanzig Meter weiter nördlich an der Ramme. Die Maschine, ein kleines, gelbes Ungetüm auf Raupenketten, wirkte in dieser trostlosen Ebene verloren, wie ein Spielzeug, das ein Riesenkind im Matsch vergessen hatte. Ihr Dieselmotor hämmerte ein stetiges, monotones Tock-Tock-Tock in die Stille. Es gab kein Echo. Die wenigen verkrüppelten Baumgruppen am Horizont warfen nichts zurück. Das Moor schluckte jedes Geräusch, verdaute es und gab nur Schweigen zurück.
Kalle nickte, eine Bewegung, die eher ein resigniertes Senken des Kopfes war. Er griff nach dem Vorschlaghammer, dessen Stiel glitschig vor Nässe war. Es ging hier um den Wildschweinzaun. Jenes verzinkte Stahlgittermonster, das sich auf siebzig Kilometern von der Flensburger Förde bis zum Wattenmeer durch die Landschaft schnitt. Ein stählerner Reißverschluss, der Dänemark vor der Afrikanischen Schweinepest schützen sollte.
Offiziell war es ein Schutzwall, ein Projekt von europäischer Bedeutung.
Inoffiziell, zumindest für Kalle, war es ein verdammtes Ärgernis, das Überstunden generierte, weil der Boden hier das Metall einfach wieder ausspuckte. Pfosten, die sie gestern gesetzt hatten, neigten sich heute schon wieder wie betrunkene Matrosen.
„Der Boden gibt nach!“, brüllte Piet plötzlich.
Die Ramme verstummte abrupt. Das Tock-Tock-Tock brach ab, und die Stille, die darauf folgte, war fast körperlich schmerzhaft. Sie dröhnte in den Ohren nach. Nur das Schmatzen des Schlamms unter Kalles Stiefeln und das ferne Rauschen der Bundesstraße waren zu hören.
Kalle fluchte leise, wischte sich Regentropfen von den Wimpern und stapfte hinüber. Der Boden federte unter ihm, als liefe er auf einer vollgesogenen Matratze.
Er erreichte Piet, der mit verschränkten Armen vor der Maschine stand und missmutig auf das Bohrloch starrte. Der Stahlpfosten, ein massives T-Profil, der eigentlich kerzengerade stehen sollte, neigte sich gefährlich nach Osten, Richtung Dänemark.
„Wir haben Grundberührung, aber keinen Halt“, sagte Piet und kratzte sich unter der Mütze, wobei er eine Schmierölspur auf seiner Stirn hinterließ. „Die Hydraulik hat kurz blockiert, dann ist das Ding einfach weggesackt. Da ist was im Weg. Oder der Boden ist unterspült.“
Kalle ging in die Hocke. Seine Knie knackten protestierend.
Er betrachtete den Boden. Moorgebiet. „Renaturiert“, wie es in den Hochglanzpapieren der Stiftung hieß. „Verwahrlost“, wie es aussah. Das Gras war gelb, struppig und filzig, durchsetzt von dunklen Wasserlöchern, in denen Mückenlarven tanzten.
Er tastete am Fuß des Pfostens entlang. Das kalte Metall verschwand im schwarzen Brei.
„Wurzelwerk?“, fragte Piet und zündete sich eine Zigarette an, wobei er die Flamme tief in seinen hohlen Händen barg.
„Hier wachsen keine Bäume“, murmelte Kalle. „Höchstens alte Mooreichen, die seit tausend Jahren da unten liegen.“
Er zog seinen Arbeitshandschuh aus. Die kalte Luft biss sofort in seine Finger. Er griff tiefer in den Matsch, tastete blind. Das Wasser stand hier höher als gedacht.
Er spürte Widerstand.
Es war nichts Hartes. Kein Stein, kein Holz, kein alter Torfziegel.
Es war zäh. Elastisch. Nachgiebig, aber fest.
Wie ein alter Traktorreifen, der sich mit Wasser vollgesogen hatte. Oder wie nasses Leder.
Er zog kräftiger. Der Schlamm gab ein widerliches, saugendes Geräusch von sich, Schlupp, als wollte er seine Beute nicht freigeben.
Kalle runzelte die Stirn. Ein ungutes Gefühl kroch ihm den Rücken hoch, kälter als der Regen.
„Gib mir mal den Spaten.“
Piet reichte ihm das Werkzeug, die Zigarette tanzte in seinem Mundwinkel. „Wahrscheinlich Müll. Die Bauern kippen hier alles rein.“
Kalle antwortete nicht. Er stach vorsichtig neben dem Pfosten in die Erde, hob einen schweren, triefenden Klumpen Torf aus, dann noch einen. Das Wasser lief sofort in das Loch nach, färbte sich dunkelbraun wie starker Kaffee.
Aber da war jetzt etwas zu sehen. Eine Farbe, die hier nicht hingehörte. Kein Braun, kein Grau, kein Grün.
Ein dunkles, sattes Marineblau.
Kalle hielt inne. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er wischte mit der bloßen, schlammverschmierten Hand über das Objekt im Boden.
Es war Stoff. Wolle, fein gewebt. Hochwertig. Ein Ärmel. Darunter etwas Weißes, das im trüben Wasser schimmerte.
Er sah zu Piet auf. Der Baggerführer war blass geworden, seine Zigarette hing unangezündet und vergessen im Mundwinkel, die Asche fiel auf seine Jacke.
„Scheiße“, sagte Kalle leise. Das Wort hing in der Luft, klein und bedeutungslos angesichts dessen, was da unten lag.
Er grub weiter, nicht mehr mit dem Spaten, sondern vorsichtiger jetzt, mit den Händen, als wäre er ein Archäologe. Er schaufelte den Modder beiseite.
Er legte eine Schulter frei. Dann einen Nacken.
Die Haut war aufgedunsen und fahl, so weiß wie Bauchkalk, und wies die typische Waschhaut auf, die entsteht, wenn man zu lange im Wasser liegt. Der Kopf steckte tief im Morast, das Gesicht nach unten gepresst, als wollte der Mann den Erdkern betrachten oder sich vor der Welt verstecken.
Es war kein Wanderer. Wanderer trugen Gore-Tex, Neonfarben, Funktionswäsche mit Reflektoren. Wanderer trugen Rucksäcke und festes Schuhwerk.
Dieser Mann trug einen Anzug.
Ein teures, dunkelblaues Sakko, das jetzt schwer und nass am Körper klebte.
*
Hanna Lund saß in ihrem alten Auto und beobachtete, wie der Scheibenwischer vergeblich gegen die Flut ankämpfte. Wisch-Klack. Wisch-Klack. Der Gummi war alt und zog Schlieren, die das Blaulicht vor ihr in psychedelische Muster verzerrten.
Sie stand auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße 5, knapp zwei Kilometer vor der Grenze. Der Motor lief im Leerlauf, die Vibrationen übertrugen sich auf das Lenkrad.
Vor ihr flackerte das Blaulicht eines Streifenwagens durch den Nebel, der sich am späten Nachmittag gebildet hatte und nun wie Wattebäusche über den Asphalt kroch. Ein Beamter in leuchtend gelber Regenjacke winkte den wenigen Verkehr ab, der sich hierher verirrt hatte.
Sie drehte die Heizung höher. Das Auto roch nach einer Mischung aus altem Kaffee, Tankstellen-Vanillebaum und kaltem Hund, obwohl ihr Golden Retriever seit zwei Jahren tot war. Manchmal bildete sie sich ein, ihn auf dem Rücksitz hecheln zu hören.
Auf dem Beifahrersitz stapelten sich Aktenordner wie eine kleine Festung gegen das Chaos. Obenauf lag eine Karte des Grenzverlaufs, übersät mit gelben Post-its, auf denen ihre krakelige Handschrift Fragen notiert hatte: Eigentümerstruktur? EU-Fördertopf 4? Wer ist Højgaard?
Hanna war eigentlich hier, um die neuen Zaunabschnitte zu fotografieren. Ihr Thema für die Schleswiger Nachrichten: „Die zerschnittene Landschaft – Ökologische Folgen der Grenzbefestigung.“ Ein Arbeitstitel, der wahrscheinlich vom Chefredakteur, der Klicks mehr liebte als Nuancen, in „Sauerei am Zaun“ oder „Der Schweine-Wall“ geändert werden würde. Sie brauchte Bilder von den Schneisen im Wald, von den Tieren, die ihre Wechsel verloren hatten.
Aber jetzt war die Straße gesperrt. Kein Durchkommen für Zivilisten. Und Hanna wusste, dass eine Straßensperre hier draußen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, nur eines bedeutete: Ein Unglück. Oder ein Verbrechen.
Sie griff nach ihrer Kamera, einer schweren Nikon mit einem 70-200mm Teleobjektiv, prüfte den Akku und stieg aus.
Der Wind riss fast die Tür aus der Verankerung. Sie musste sich dagegenstemmen, um sie zu schließen. Sofort peitschte ihr der Regen ins Gesicht, kalt und unbarmherzig. Sie schlug den Mantelkragen hoch, zog die Wollmütze tief in die Stirn und ging am Graben entlang, weg von der Straße, hinein in das Feld.
Sie mied den Asphalt, um nicht gesehen zu werden. Sie kannte die Trampelpfade hier. Als Kind war sie oft mit ihrem Vater hier draußen gewesen, Vögel beobachten, Kiebitze zählen, die Stille hören. Damals gab es keinen Zaun, nur Gräben, Weiden und den weiten Himmel, der sich in den Pfützen spiegelte. Jetzt wirkte die Landschaft feindselig, parzelliert und überwacht.
Der Boden war weich, ihre Stiefel sanken bei jedem Schritt ein. Sie erreichte eine kleine Anhöhe, eine Geestinsel im Marschland, auf der ein paar verkrüppelte Birken standen. Von hier aus konnte sie auf die Baustelle blicken, ohne selbst gesehen zu werden.
Das Szenario unten wirkte surreal.
Zwei Polizeiwagen standen dort, schief im weichen Untergrund geparkt, ihre Reifen tief im Schlamm vergraben. Ein Krankenwagen wartete weiter hinten auf dem befestigten Wirtschaftsweg, die Sanitäter standen rauchend an der Hecktür, die Schultern hochgezogen. Sie hatten es nicht eilig. Keine Trage, kein Defibrillator, keine Hektik.
Das war nie ein gutes Zeichen. Das bedeutete, dass es nichts mehr zu retten gab.
Hanna hob die Kamera, schaltete den Bildstabilisator ein und zoomte heran. Durch das Objektiv wirkte die Szene seltsam komprimiert, zweidimensional, wie ein Gemälde aus Trauer und Grau.
Vier Männer in Uniform standen um ein ausgehobenes Loch im Boden. Sie wirkten ratlos. Daneben zwei Bauarbeiter in Warnwesten, die aussahen, als bräuchten sie dringend einen Schnaps – oder zwei. Einer von ihnen rauchte hastig, zitternd.
Und am Boden, auf einer blauen Plastikplane, lag etwas Langes, Dunkles. Ein unförmiges Bündel, das die Form eines Menschen nur erahnen ließ.
Hanna drückte ab.
Klick-Klick-Klick.
Der Spiegelschlag der Kamera war das einzige Geräusch in ihrer Nähe. Sie machte eine ganze Serie, veränderte leicht den Winkel, suchte nach Details.
Dann drehte sich einer der Polizisten um. Er nahm die Mütze ab, fuhr sich durch das graue, kurze Haar.
Hanna erkannte ihn sofort durch den Sucher.
Jörn Rasmussen.
Ein Mann, dessen Gesicht aussah, als wäre es aus dem gleichen wettergegerbten Holz geschnitzt wie die alten Weidepfähle hier. Tiefe Falten um die Augen, ein Mund, der selten lächelte, aber oft schwieg. Er blickte direkt in ihre Richtung, obwohl sie fast dreihundert Meter entfernt war und im Schatten der Birken stand.
Er kniff die Augen zusammen. Er wusste, dass sie da war. In dieser Gegend blieb nichts lange verborgen. Rasmussen hatte diesen sechsten Sinn, den man bekam, wenn man dreißig Jahre lang Bauern, Schmuggler und Touristen beobachtete.
Hanna ließ die Kamera sinken. Sie würde keine besseren Bilder bekommen, und sie wollte Rasmussen nicht provozieren. Aber sie hatte genug gesehen.
Ein Detail hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt.
Sie zoomte noch einmal auf das Display ihrer Kamera, vergrößerte den Ausschnitt bis zur pixeligen Unschärfe.
Die Füße des Toten ragten unter der Plane hervor.
Schwarze Halbschuhe. Glattleder. Schmal geschnitten. Keine Profilsohle. An den Fersen waren sie kaum abgenutzt.
Büroschuhe.
Schuhe für Teppichböden, Konferenzräume und Kantinen.
Hier draußen, drei Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, trug niemand solche Schuhe. Es sei denn, er wollte nicht gehen, sondern nur kurz aussteigen. Oder er wurde gebracht.
Hanna fröstelte. Das hier war kein verunglückter Bauarbeiter und kein Herzinfarkt beim Sonntagsspaziergang.
Sie ging zurück zum Auto, rutschte dabei fast auf einer nassen Wurzel aus. Die Kälte saß jetzt tief in ihren Knochen, ein Zittern, das nicht aufhören wollte. Sie startete den Motor, ließ ihn im Leerlauf tuckern, bis warme Luft aus den Düsen kam, und griff zum Telefon.
Sie wählte keine Nummer, sondern öffnete ihre Kontakte, scrollte zu „R.“
Rasmussen würde nicht drangehen, nicht jetzt, während er an einer Leiche stand. Das Protokoll verbot es. Aber sie schickte ihm eine Nachricht.
Kaffee im ‚Alten Zollhaus‘? Ich zahle. H.
Sie wusste, er würde kommen. Nicht heute, vielleicht morgen früh. Rasmussen war korrupt, wenn es um gutes Gebäck ging, und brutal ehrlich, wenn es um Leichen ging. Eine seltene Kombination bei der Polizei.
Hanna legte das Handy weg, legte den Gang ein und fuhr langsam an. Ihr Kopf arbeitete bereits an der Schlagzeile, aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass diese Geschichte größer war als ein Zeitungsartikel.
*
Jörn Rasmussen stand am Rand der Grube und wünschte sich, er hätte das Rauchen vor fünf Jahren nicht aufgegeben. Seine Hand tastete reflexartig nach der Brusttasche, wo früher die Schachtel gesteckt hatte, fand aber nur den Kugelschreiber.
Der Gestank des Moores war penetrant. Es war eine Mischung aus Schwefel, faulen Eiern und süßlicher Verwesung. Ein Geruch, der nichts mit der Leiche zu tun hatte, sondern mit der Erde selbst. Das Moor verdaute langsam, es gärte.
„Haben wir eine ID?“, fragte er, ohne den Blick vom Toten zu wenden.
Sein Kollege, Oberkommissar Malte Sörensen, ein junger Mann aus Flensburg, der noch glaubte, dass Vorschriften wichtiger waren als Instinkt, hielt einen durchweichten Ledergeldbeutel hoch. Er steckte in einer Asservatenbeutel. Malte trug Latexhandschuhe und wirkte ein wenig grün im Gesicht.
„Personalausweis ist drin. Ziemlich aufgeweicht, aber lesbar“, sagte Malte. „Hannes Jensen. Geboren 1968 in Niebüll. Wohnhaft in Kiel.“
Rasmussen zog die buschigen Augenbrauen hoch. „Kiel? Was macht ein Kieler hier im Matsch? Und dann noch in diesen Klamotten?“
„Vielleicht ein Tourist?“, schlug der Kollege vor, unsicher. „Verirrt beim Spaziergang? Die Leute unterschätzen das Moor.“
Rasmussen schnaubte verächtlich. Er deutete auf die Leiche.
„Sieh dir die Hose an, Malte. Tuchhose, Bügelfalte. Das Hemd ist hellblau, Kragenweite 40, würde ich schätzen. Der Mann war nicht spazieren. Der war bei der Arbeit. Oder auf dem Weg zu einer Beerdigung.“
Er kniete sich hin, vorsichtig, um nicht selbst einzusinken. Seine Stiefel verschwanden bis zum Knöchel im Schlamm.
Er betrachtete die Hände des Toten. Sie waren verkrampft, zu Klauen erstarrt. Die Fingernägel waren abgebrochen und voller schwarzer Erde.
„Er hat gekämpft“, murmelte Rasmussen. „Oder zumindest versucht, sich festzuhalten, während er sank. Er wollte nicht da rein.“
„Jensen“, wiederholte er den Namen. Er klingelte irgendwo ganz hinten in seinem Gedächtnis, leise und beharrlich wie ein Tinnitus.
„Sehen Sie hier“, sagte Malte und leuchtete mit der Taschenlampe auf den Hals des Toten, wo die Haut bläulich verfärbt war. „Keine Würgemale. Keine sichtbaren äußeren Verletzungen am Kopf, soweit ich das sehen kann. Wahrscheinlich Herzinfarkt. Stress, Kälte, Panik, dann Umkippen und Einsinken. Das geht hier schnell.“
Rasmussen nickte langsam. Es war die plausibelste Erklärung. Die einfachste. Diejenige, die am wenigsten Papierkram verursachte und die Akte schnell schloss. Ein tragischer Unfall im unwegsamen Gelände. Fall erledigt.
Aber Rasmussen traute dem einfachen Weg nicht. Nicht hier an der Grenze, wo Dinge oft anders waren, als sie schienen.
„Wir warten auf die Spurensicherung aus Schleswig“, entschied er und richtete sich mühsam auf. Seine Knie knackten laut. „Bis dahin fasst niemand irgendwas an. Und deckt ihn wieder ab. Die Krähen werden schon neugierig.“
Tatsächlich kreisten zwei schwarze Vögel über ihnen, krächzend, wartend.
Rasmussen drehte sich um und blickte über die flache Ebene. Der Wildschweinzaun zog sich wie eine frische Narbe durch das Bild, schnurgerade, ohne Rücksicht auf die Topografie. Er teilte Biotope, zerschnitt Wildwechsel und trennte Nachbarn, die seit Jahrhunderten keine Zäune kannten.
In der Ferne sah er einen silbernen V70 auf der Straße wenden.
Er wusste, dass es Hanna Lund war. Sie hatte den Instinkt einer Schmeißfliege; sie roch den Tod, bevor er offiziell bestätigt war. Und sie ließ nicht locker.
Er spürte das Vibrieren seines Diensthandys in der Tasche. Eine Nachricht. Er ignorierte es.
Er sah zurück zu dem Toten. Das Gesicht war jetzt abgedeckt, aber Rasmussen sah es immer noch vor sich.
Hannes Jensen.
Plötzlich fiel es ihm ein, wie ein Blitzschlag.
Vor zwei Monaten, beim Sommerfest der Kreisverwaltung. Da stand ein Mann am Buffet, der genauso aussah. Ein kleiner, nervöser Typ vom Katasteramt. Er hatte sich lautstark über die ungenauen GPS-Daten der neuen Grenzvermessung beschwert, hatte mit einem Glas Weißwein in der Hand gestikuliert, bis ihn jemand beruhigt und sanft weggeführt hatte.
Ein Landvermesser. Einer, der Akten prüft. Einer, der genau hinschaut.
Rasmussen fröstelte, und es lag nicht am Wind.
Ein toter Bürokrat im Moor war schlimmer als ein toter Drogendealer. Ein toter Bürokrat bedeutete, dass jemand Fehler vertuschen wollte. Oder Wahrheiten.
„Hol den Leichenwagen“, sagte er zu seinem Kollegen, seine Stimme klang rauer als sonst. „Aber sag den Jungs, sie sollen die Allrad-Trage nehmen und Gummistiefel anziehen. Wir tragen ihn raus bis zur Straße. Hier fährt keiner mehr rein. Ich will keine Reifenspuren, die wir nicht zuordnen können.“
*
Der Hof von Kai Oldenburg lag fünf Kilometer südlich der Fundstelle, auf einem leichten Geestrücken. Er lag sicher vor dem Wasser, aber nicht sicher vor dem Wind, der hier immer Anlauf nahm.
Die Gebäude waren alt, Backsteinbauten aus der Jahrhundertwende, solide, stur und funktional, genau wie ihr Besitzer. Die Fugen waren ausgewaschen, das Dach moosbewachsen, aber die Substanz war hart.
Kai stand in der großen Maschinenhalle. Es roch nach Diesel, altem Eisen und Schmierfett. Er schweißte an der Aufhängung seines Pflugs. Das grelle blaue Licht des Lichtbogens zischte und war das Einzige, was die Dämmerung in der Halle vertrieb. Funken sprühten wie kleine Sterne auf den ölverschmierten Betonboden.
Die Arbeit beruhigte ihn. Metall war ehrlich. Wenn es brach, konnte man es reparieren. Wenn es rostete, konnte man es schleifen. Es log nicht.
Anders als die Briefe, die auf seinem Küchentisch lagen. Mahnungen der Bank. Neue Auflagen der EU. Preiserhöhungen für Dünger.
Er setzte die Schweißmaske ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn, der Ruß hinterließ schwarze Streifen auf seiner Haut. Es war kalt in der Halle, sein Atem bildete kleine Wolken, aber die körperliche Arbeit hielt ihn warm.
Er war ein großer Mann, Ende vierzig, mit Schultern wie ein Ochse und Händen, die aussahen, als könnten sie Eisen biegen – was sie ja auch taten.
Die Seitentür der Halle ging auf. Ein kalter Luftzug fegte herein, wirbelte Staub und trockene Blätter auf.
„Wir müssen reden, Kai“, sagte eine Stimme.
Kai drehte sich nicht sofort um. Er legte das Schweißgerät bedächtig ab, drehte das Ventil der Gasflasche zu. Er nahm sich Zeit. Es war sein Hof, seine Zeit.
Erst dann wandte er sich dem Besucher zu.
Es war Mikkel Højgaard. Der Däne. Der Mann von der Stiftung.
Er passte nicht hierher. Er trug eine dunkelgrüne Barbour-Jacke, die zu sauber war, und teure Lederstiefel, die noch nie echten Kuhmist gesehen hatten. Er lächelte, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Es war ein aufgesetztes, kalkuliertes Geschäfts-Lächeln.
„Ich habe dir gesagt, du sollst verschwinden“, sagte Kai ruhig. Er griff nach einem öligen Lappen und wischte sich langsam die Hände ab.
„Du bist unhöflich, Kai. Das passt nicht zu deiner viel gepriesenen nordfriesischen Gastfreundschaft.“ Højgaard trat einen Schritt weiter in die Halle, als würde sie ihm gehören. Er musterte die alten Traktoren, die Werkbank, das geordnete Chaos aus Ersatzteilen. Sein Blick war taxierend. Er sah keinen Schrott, er sah Liquiditätsprobleme. Er rechnete.
„Mein Land steht nicht zum Verkauf“, sagte Kai, seine Stimme war tief und fest wie ein Eichenbalken. „Weder an deine Stiftung noch an sonst wen. Ich brauche die Flächen für die Gülleausbringung. Ohne das Land bin ich dicht. Das weißt du.“
„Das Land ist nass, Kai. Es ist Moor. Du kannst dort kaum noch mit schwerem Gerät fahren, ohne einzusinken. Wir bieten dir einen fairen Tausch. Trockenes Ackerland bei Leck gegen deine Feuchtgebiete hier am Grenzstreifen. Plus eine sehr großzügige Einmalzahlung, die deine Probleme mit der Bank lösen würde.“
Kai lachte trocken, ein heiseres Bellen. „Trockenes Land bei Leck? Das ist dreißig Kilometer weg. Wie soll ich da wirtschaften? Jeden Tag zwei Stunden Diesel verfahren? Und warum seid ihr so scharf auf den Sumpf? Da wächst nichts, da kann man nicht bauen.“
Højgaard zuckte mit den Schultern, eine zu glatte Bewegung. „Renaturierung. CO2-Speicher. Wir tun etwas Gutes für die Umwelt. Die EU fördert das, wir setzen es um. Du könntest als Held aus der Sache rausgehen, Kai. Der Bauer, der der Natur ihren Platz zurückgibt. Ein Vorbild.“
„Verpiss dich“, sagte Kai leise. Er trat einen Schritt auf Højgaard zu. Er war einen Kopf größer als der Däne und doppelt so breit.
Højgaard wich nicht zurück, aber sein Lächeln wurde eine Spur fester, gefroren.
„Es gibt Neuigkeiten, Kai. Vielleicht ändern die deine Meinung.“
„Was für Neuigkeiten?“
„Heute Nachmittag. Am Zaun, direkt an der Grenze zu deinem Sektor 4. Sie haben jemanden gefunden.“
Kai hielt inne. Sein Herzschlag setzte einen Takt aus. „Gefunden?“
„Einen Toten. Scheint ein Unfall gewesen zu sein. Ein Herzinfarkt vielleicht. Tragisch.“ Højgaard machte eine wegwerfende Handbewegung, als ginge es um ein totes Kaninchen. „Aber es wird Unruhe bringen. Untersuchungen. Behörden, die Fragen stellen, warum der Zaunverlauf dort so… kompliziert ist. Wenn du jetzt verkaufst, bist du den Ärger los. Wir kümmern uns um die Bürokratie. Wir halten deinen Namen da raus.“
Kai starrte ihn an. Er spürte ein Kribbeln im Nacken, das nichts mit der Kälte zu tun hatte. Es war der Instinkt eines Tieres, das die Falle wittert.
„Wer ist der Tote?“
